Die Dresdner Stadtschreiberin Olga Martynova ist ein Phänomen. Sie schreibt Romane, Gedichte, Essays, Rezensionen, ist als Übersetzerin und Herausgeberin tätig. Und sie setzt in allen Bereichen hohe Standards. Ihre Romane Sogar Papageien überleben uns (2010, für den Deutschen Buchpreis nominiert), Mörikes Schlüsselbein (2013, Auszug: Ingeborg-Bachmann-Preis 2012, für den ganzen Roman: Berliner Literaturpreis 2015) und Der Engelherd (2016, u. a. gewürdigt mit dem Rompreis Villa Massimo) sind literarische Erlebniswelten, die jeden Leser, der zu diesen Romanen greift, beglücken werden.
Als Bestandteil der Veranstaltungsreihe »Fokus Olga Martynova« wird Olga Martynova in der Sächsischen Akademie der Künste ihren Essayband Über die Dummheit der Stunde näher vorstellen.
Ihre Essays zeichnen sich durch eine offene und mutige Sprache aus. An einer Stelle heißt es: »Ich bin selbst eine ›entartete Kunst‹. Mein Herz schlägt auf der Seite der aus verschiedenen ›volkshygienischen Gründen‹ verachteten Menschen«. Oder an einer anderen Stelle: »Was ich meinen Studenten zu sagen versucht hatte (und ich fürchte, es ist mir nicht gelungen, sonst hätte ich kein Bedürfnis, diesen Text zu schreiben): Unter vielen Begabten gibt es wenige, die der Dummheit der Stunde nicht hinterherlaufen. Es geht um die Freiheit und die Frechheit, die allgemeingültigen Vorstellungen und Forderungen nicht zu berücksichtigen.«
Vor allem im Gedicht und im Essay sei äußerste Wachsamkeit geboten. Ausgehend von Gottfried Benns Rede »Probleme der Lyrik« (Zitat: »Hinter einem modernen Gedicht stehen die Probleme der Zeit, der Kunst, der inneren Grundlagen unserer Existenz weit gedrängter und radikaler als hinter einem Roman.«) paraphrasiert Martynova ihre Argumentation im Kontext »Probleme der Essayistik«: Ausgehend von Carl Einsteins Feststellung »Aktualität ist Collaboration« untersucht sie, ob und inwieweit Künstler sich mit Aktualität auseinanderzusetzen haben. Wie Jean Amery (»Terror der Aktualität«) ist sie der Ansicht, dass der Beschleunigungs- und Abwechslungszwang der medialen Berichterstattung zu gefährlicher Belanglosigkeit der Information führt und letztlich zu fehlerhaften Ansichten. Denn die Aktualität ist eine tückische Sache. Sie ändert sich ständig, wie die Mode. Aus dem medialen Feld wählt jeder jene Bilder aus, die seinen Vorstellungen entsprechen. Im Unterschied zu Journalisten und Politikern könnten sich Künstler jedoch den Luxus leisten, diese Bilder zu ignorieren.
2017 besuchte Olga Martynova gemeinsam mit ihrem 2018 verstorbenen Mann Oleg Jurjew die Krim. Sie führt Tagebuch mit dem Ziel, «nicht zu interpretieren, so wenige Hintergründe wie nur möglich zu geben, nur darüber zu erzählen, was ich selbst hören und sehen werde.« Das Tagebuch ist Bestandteil des Essaybandes.
Moderation: Marcel Beyer
Die Texte von Olga Martynova liest ihr Sohn Daniel Jurjew.
Eintritt frei