Die Dresdner Stadtschreiberin Olga Martynova ist ein Phänomen. Sie schreibt Romane, Gedichte, Essays, Rezensionen, ist als Übersetzerin und Herausgeberin tätig. Und sie setzt in allen Bereichen hohe Standards. Ihre Romane Sogar Papageien überleben uns (2010, für den Deutschen Buchpreis nominiert), Mörikes Schlüsselbein (2013, Auszug: Ingeborg-Bachmann-Preis 2012, für den ganzen Roman: Berliner Literaturpreis 2015) und Der Engelherd (2016, u. a. gewürdigt mit dem Rompreis Villa Massimo) sind literarische Erlebniswelten, die jeden Leser, der zu diesen Romanen greift, beglücken werden.
Als Bestandteil der Veranstaltungsreihe »Fokus Olga Martynova« wird Olga Martynova ihren Gedichtband Such nach dem Namen des Windes (Peter-Huchel-Preis 2025) näher vorstellen.
Der Band beschwört mit einer sanften und zugleich erregenden Sprache noch einmal den Verlust ihres Mannes (Oleg Jurjew starb 2018), der aus nahezu jedem Gedicht spricht. Aufregend und zuweilen spöttisch ist die Abwehr des Todes und der Geister der Unterwelt, denen sie in Traum und Tagtraum begegnet. Olga Martynova versucht, Abstand zu gewinnen. Sie steigt mit Dante und Vergil in die Unterwelt hinab, spürt dem Mythos von Orpheus und Eurydike nach, besucht Kabbalisten in Jerusalem. Um Abstand zu gewinnen spürt sie in Zwiesprache mit Friedrich Hölderlin und Paul Celan dem Verlorenen nach (»Celan hat im Hölderlingarten gepflückt, aus dem Rosennichts die Niemandsrose gezüchtet«). »Vu nemt men a bisele Glik«, das Eröffnungsgedicht, zeichnet wie eine Ouvertüre die Linien des Bandes vor. Das Gedicht geht in Zwiesprache mit Friedrich Hölderlins Gedicht »Hälfte des Lebens« und spricht zugleich das jüdische Schicksal und Repliken von Jean Amery und Oleg Jurjew an. Im zweiten der sieben Kapitel – »La Speranza« (Hoffnung) – taucht erstmals die Elster (Speranza) auf, im Weiteren kluge Begleiterin und mahnendes Korrektiv der Dichterin: »Trunken von Nüchternheit sind die Menschen können weder klar denken noch wirklich fühlen, sagt die Elster.« Im vierten Kapitel werden Geschichten vom Tod heraufbeschworen: »Tolstois Tod«, »Pasolinis Tod«, auch Kleists Selbstmord am Wannsee. Das alles immer im Zwiegespräch mit Oleg Jurjew. Im fünften Kapitel – »Der Tod scheidet nicht, aber das Leben« – erfolgt die Anrufung des Geliebten in Reihungen: »Wir waren einander Mond und Sterne, Wein und Brot, Erde und Feuer, Wasser und Luft, Minuten und Zifferblatt, Regen und Wurm, Fliegen und Frösche, Krähe und Aug …«
Wer bei all dem denkt, dass der Band schwer zu lesen ist, kann beruhigt werden. Martynovas Gedichte finden eine ruhige, zarte Sprache und sprechen mit einprägsamen Bildern und Metaphern.
Moderation: Volker Sielaff
Eintritt frei