80 Jahre, das ist ein ganzes Menschenleben. So lange ist es her, dass der Zweite Weltkrieg ein Ende fand. Und doch bewegen uns heute immer noch die Folgen dieses Krieges. Meist sind die Ereignisse mit Erinnerungen verbunden, die in der Familie weitergegeben oder erzählt und gehört wurden. Genau diese vielfältigen Erinnerungen wollten wir, die Städtischen Bibliotheken Dresden und der Dresdner Geschichtsverein e.V., in den Mittelpunkt unserer Literaturreihe »Erinnerung 1945|2025« stellen.
An insgesamt vier Abenden, die von Januar bis Mai stattfanden, beschäftigten wir uns mit gemalter, gespielter, geschriebener und gesammelter Erinnerung.
Den Anfang machte die preisgekrönte Autorin und Illustratorin Barbara Yelin mit ihrer beeindruckenden Graphic Novel Emmie Abel: Die Farbe der Erinnerung. Was bleibt, nachdem man als Kind den Holocaust er- und überlebte? Was ist das für ein Leben? Welche Kraft braucht man dafür? Ganz einfühlsam berichtete die Autorin von ihrem Projekt, von der unfassbaren Geschichte von Emmie, die es tatsächlich gibt. Von ihren gemeinsamen Gesprächen, von dem Buchvorhaben, von ihren Zeichnungen und von dieser so beeindruckenden Frau. Neben den Bildern aus der Graphic Novel gab es am Ende ein Video von Emmie Abel selbst. Die Zuschauerinnen und Zuschauer waren tief bewegt vom Leid, von der Kraft und von Yelins Zeichnungen, die die »Farbe der Erinnerung« ganz unmittelbar und doch verfremdet, künstlerisch ansprechend und pur emotional vermittelten. Lange diskutierte das Publikum. Und Barbara Yelin signierte ausdauernd bis zum letzten Buch.
Am zweiten Abend stand die Geschichte der Dora W. aus Durs Grünbeins Roman Der Komet – eine gespielte Erinnerung – im Zentrum des Abends. Grünbeins Bericht, wie er den Text selber nennt, läuft zielstrebig auf den 13. Februar 1945 hin. Ein Datum, das in der Erinnerung seiner und vieler Dresdner Familien eine wichtige Rolle einnimmt. Grünbein selbst sagte, dass es ihm schwindlig würde, denke er daran, dass seine Mutter nicht überlebt hätte. Das Glück verdankte sie der Obhut einer resoluten Freundin, die einer Eingebung folgend die Kinder frühzeitig aus der Stadt brachte. Hätte die Mutter nicht überlebt, gäbe es ihn und auch den Text nicht. Die Erinnerungen seiner Großmutter ergänzte er um zahlreiche Berichte und Recherchen zu Dresden in den 1930er Jahren. Dieses Buch brachte Tilmann Köhler auf die Bühne im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, das an diesem Abend als Kooperationspartner fungierte. Im Entstehungsprozess sprachen Köhler, Grünbein und Teile des Ensembles über das Thema des Stücks, aber vor allem darüber, wie die Umsetzung des Textes auf der Bühne erfolgen sollte. Die Schauspielerinnen und Schauspieler waren Teil des Prozesses, tauschten sich aus über die geschilderte Erinnerung und eigene Familienerfahrungen und wählten Textpassagen gemeinsam aus. Auch hier zeigte sich, dass die Erinnerung durch das Spiel und die Sprache einen weiteren Grad an Verfremdung und Interpretation erhält. Vor ausverkauftem Haus diskutierten Köhler und Grünbein mit einem sehr interessierten Publikum.
Am dritten Abend wandten wir uns den Geschichten des Autors Renatus Deckert zu. Deckert, der in Dresden aufwuchs, beschäftigt der Zweite Weltkrieg ebenfalls im Kontext einer Familienerinnerung. Sein Großvater arbeitete in der Landesbibliothek, die sich damals im Japanischen Palais befand. Aktuell schreibt Deckert an einem Roman, der die Geschichte des Großvaters erzählt. Anhand eines verschmolzenen Trümmerstückes aus Dresden erklärte der Autor am Abend, dass dieses Bruchstück auf seinem Schreibtisch ihn stets erinnert, dass Erinnerungen verformte Fragmente sind. Als Autor hat er die Freiheit die Familienerzählungen, Recherchen und eigene Ideen zusammenzufügen und Neues entstehen zu lassen. Deckert las verschiedene Kurzgeschichten, unter anderem Klemperers Katze. Dieser Text, den er oft in Schulen liest, wenn er über das Leben und die Tagebücher des großen Romanisten spricht, verdeutlicht den lebensverachtenden Wahnsinn des NS-Regimes.
Am 6. Mai, dem letzten Abend unserer Reihe, stellte der Ortschronist André Kaiser das Projekt »Mitmach-Raum-Tagebuch« vor. Auf einer Webseite hat ein Projektteam mit Karten, Bildern und Zeitzeugenberichten die Ereignisse der letzten Kriegstage sichtbar gemacht. Todesmärsche, Kriegsgefangene, jugendliche Flak-Helfer, die Gleichzeitigkeit der Ereignisse beeindrucken und erschrecken. Kaiser berichtete von den vielen Gesprächen mit Zeitzeugen und auch von dem langen Schweigen. Schon seit seinem Zivildienst, der über dreißig Jahre zurückliegt, bewegen Kaiser die Ereignisse von 1945. Damals kümmerte er sich um Soldatengräber, und nun sammelt er die zahlreichen Erinnerungen aus den Orten des Tharandter Waldes. Zum Teil konnten erst jetzt einige Geschichten berichtet werden. Verstrickungen und das Verdrängen hielten jahrelang an und vom Reden über 1945 ab. Auch im Publikum kamen Zeitzeugen zu Wort und dankten Kaiser für seine unermüdliche Arbeit. Im Nachgang meldeten sich noch Menschen, die mehr wissen wollen, die Aufklärung erhoffen bei den meist nur lückenhaft überlieferten eigenen Familiengeschichten. Der letzte Abend zeigte auch, die gesammelten Erinnerungen sind für die nachfolgenden Generationen wichtig, um zu verstehen.
Ob gemalt, gespielt, geschrieben oder gesammelt: Die Erinnerung treibt uns auch 80 Jahre nach dem Ende des Krieges um, vor allem die eigene Familiengeschichte ist es, die oftmals Fragen aufgibt. Die Literaturreihe hat den Erinnerungen, den Erkenntnissen und den Emotionen Raum gegeben. Neben den individuellen Schicksalen und ihrer Wirkmächtigkeit bis in die Gegenwart, diskutierten wir auch über vier verschiedene, gegenwärtige künstlerische Ansätze, diese Erinnerungen erfahrbar zu machen.
Die Reihe war eine Kooperation des Dresdner Geschichtsvereins e.V. und den Städtischen Bibliotheken Dresden. Die Historikerin Dr. Caroline Förster ist Geschäftsführerin des Dresdner Geschichtsvereins e.V. und Herausgeberin der Dresdner Hefte.