Florian Illies, Foto: Mathias Bothor
21.06.2026
Karin Großmann

Der Alchemist von der Pfaueninsel

Florian Illies erzählt vom Glasmacher Johannes Kunckel

Zurück

Die Regierung braucht Geld. Das war immer so. In Sachsen und Brandenburg wurden Männer mit der Goldherstellung beauftragt. Der eine erfand bei dieser Gelegenheit das europäische Porzellan. Der andere Goldrubinglas. Sie dürften einander begegnet sein. Johann Friedrich Böttger war Lehrling bei einem Berliner Apotheker, mit dem Johannes Kunckel befreundet war. Es war die hohe Zeit der Alchemisten. Denn mit dem Aufschwung von Naturwissenschaft und Aufklärung entwickelte sich im 17. Jahrhundert auch die Gegenseite. Vor diesem Hintergrund spielt der neue Roman Träume aus Feuer von Florian Illies.

Er porträtiert den Glasmacher Johannes Kunckel auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Der Große Kurfürst von Brandenburg hat seinem liebsten Kammerdiener nicht nur Wohnhaus, Bergwerk und Ländereien geschenkt, sondern im Oktober 1685 eine ganze Insel: die Pfaueninsel bei Potsdam. Dort entstehen Laboratorium und Werkstätten. Die Arbeiter bekommen Wohnungen für sich und ihre Familien, Kühe für die Milch und Gerste fürs Bier, eine Windmühle für das Brot. Es soll möglichst niemand die Insel verlassen. Was hier passiert, ist geheim. Johannes Kunckel erzeugt ein Glas, das so tiefrot und golden funkelt, wie man es sonst nur von der venezianischen Insel Murano kennt. Luxusgut und begehrte Handelsware zugleich. Dafür braucht er Pottasche, Sand und Kalk. Und etwas Goldstaub aus fein vermahlenen Dukaten, in welchem Mischungsverhältnis auch immer. Die Masse wird in großer Hitze geschmolzen, abgekühlt und wieder erwärmt – erst dann zeigt das Glas die bewunderte rubinrote Farbe: »Es ist wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hat, für immer in diesem Glas zu wohnen.«

Nur wenige Stücke aus Kunckels Werkstatt sind heute in Museen und Kuriositätenkabinetten zu sehen. Florian Illies nimmt Kännchen, Kelch und andere Objekte und spinnt Geschichten drum herum. Das kann er wie wenige Autoren: Er kann Historie erzählen. Was anderswo verstaubt, bringt er zum Funkeln. Er steigt hinab in Archive, recherchiert in zeitgenössischen Schriften, befragt Experten und geht viele Male an die Orte des Geschehens. Seine Fundstücke breitet Illies leichthändig vor der Leserschaft aus. So schrieb er zuletzt über Caspar David Friedrichs Sehnsuchtsbilder und das französische Exil von Thomas Mann. Beide Bücher, Zauber der Stille und Wenn die Sonne untergeht, blieben monatelang auf den Bestenlisten. Auch der Band Träume aus Feuer stieg gleich auf den ersten Platz.

Die Grenze zwischen Sachbuch und Literatur hat der 55-jährige Schriftsteller, Kunsthistoriker und Kurator längst aufgehoben. Er ist dabei, wenn sich der Glasmacher Kunckel morgens aus dem Ehebett schleicht, wenn sich das Schilf am Ufer gnädig dem fülligen Kurfürsten beugt, wenn sich die Glasmacher erschöpft ihre verschwitzten Körper trocknen. Mögliche Leerstellen füllt Illies mit Fantasie und feinem Humor. Die Pfaueninsel nennt er einen magischen Ort. »Ein Paradies, das die Idee vom friedlichen, versonnenen Preußen vermittelt mit einer Luft, die Menschen zum Träumen bringt.«

Für den Glaskünstler am Hofe endet der Traum mit dem Tod des Großen Kurfürsten. Dessen Sohn verlangt innerhalb einer Woche den genauen Nachweis über die 26 325 Taler, die Kunckel seit seinem Amtsantritt erhielt. Andernfalls müsse er das Geld zurückzahlen. Kunckel verkauft all seine Besitztümer, wird als Kammerdiener entlassen, verliert bei einem Feuer sein Laboratorium auf der Pfaueninsel. Seine Lebensstationen in Brandenburg bis zum Tod 1703 führt das letzte Kapitel auf unter dem Titel »Nachglühen«. Das Wort trifft die Wirkung des Buchs ziemlich gut.

Florian Illies liest aus seinem Buch Träume aus Feuer, erschienen im Verlag Pfaueninsel bei Bastei-Lübbe, am 29. Juni, 19 Uhr, im Dresdner Schauspielhaus.