Lars Hitzing: Drei Monde (erschienen bei Dresdner Buchverlag/Salomo Publishing
30.03.2020
Josefine Gottwald

Eine Zukunft ohne Zukunft

Zu Lars Hitzings Roman »Drei Monde«

Zurück

Irgendwo zwischen dem 21. und 22. Jahrhundert wandert ein Kopfgeldjäger auf der Flucht vor seiner Vergangenheit in eine Welt ohne Zukunft. Der namenlose Scout, der je nach Auftrag Dieb, Killer oder Spion ist, macht sich auf die Suche nach der geheimnisvollen Stadt Inlantis, die mehr eine Sage als ein realer Ort zu sein scheint. Aber ihn treibt die Hoffnung, dem Elend auf den Straßen zu entfliehen … Und ein tödlicher Auftrag.

Lars Hitzing zeichnet ein Endzeit-Szenario, in dem skrupellose Mega-Konzerne, wie Toshiba-Krupp oder Google-Gazprom, mit ihren Intrigen und schmutzigen Geschäften die Welt regieren und in der die einzelnen Gesellschaftsschichten in unterschiedlichen Epochen leben: Moderner Luxus der Reichen existiert neben einer industrialisierten Arbeiterschicht und dem städtisches Mittelalter – und in den Wäldern herrscht das archaische Recht des Stärkeren.

»Ich schaute an mir herab und erkannte, wie sehr mich das Leben des Sommers verändert hatte. Ich sah zwar noch nicht aus wie die anderen Waldläufer, denen ich hin und wieder begegnet war, aber mit meinem Behang aus Fellen und Zähnen und meinen selbst gebauten Werkzeugen und Waffen konnte ich mich den Scouts und meinem Auftraggeber wiederum auch nicht zeigen. Ich fühlte mich zerrissen und dachte, ich würde Zeit brauchen, um darüber nachzudenken, wohin ich gehörte.«

Er ist ein Kind des GM-Sony-Konzerns; wie er von dort entkommen konnte, bleibt lange ein Geheimnis. Aber er schafft es, er findet die legendäre Stadt, in der die Menschen »Nomaden« sind, die mit sich und der Natur im Einklang leben. »Der Kodex« ist die Lehre, an der sie festhalten, doch nach und nach fordert eine aufsässige Kriegerin aus dem Clan der »Raben« das Stammesoberhaupt heraus; schließlich spaltet sie die Gemeinschaft. Die Harmonie der gemeinsamen Überzeugung wird zum Glaubenskrieg, die Nomaden wollen ihre Religion aus der Stadt hinaus in die Welt tragen – wenn es sein muss, mit Gewalt …

»Noch war ich kein richtiger Nomade, aber ich war aufgenommen worden in den Kreis der großen Gemeinschaft, war ein Bruder unter Geschwistern mit unzähligen Gewandungen und gleichen Gedanken.«

Dazwischen blendet Hitzing immer wieder zurück und klärt den Nebel der Vergangenheit. In großen erzählenden Anteilen beschreibt er, was die Menschen für den Aufstieg in der Gesellschaft opfern, und gibt unglaubliche Randinformationen. Der Leser erfährt dabei oft mehr als dass er selbst erlebt, der eigentliche Plot rückt in den Hintergrund. Trotzdem sind seine Figuren emotional; die Gewissenskonflikte und die heimliche Faszination für die Rabenfrau Attilla ziehen den Leser in ihren Bann.

Die stilistische Basis ist solide mit großem Potential. Doch die größte Stärke liegt in Hitzings Fantasie: Er erfindet Waffen, die durch Muskelkontraktionen auslösen, synthetische Superdrogen, Clans, Funkaugen, Strontiumwerfer und Gehirnwellenblocker – die Ideen, die er aus dem Hut zaubert, passen ineinander wie Zahnräder und erschaffen ein Konstrukt aus Gesellschaftskritik, Dystopie, Abenteuer und Menschlichkeit. Ein Leseerlebnis der völlig individuellen Art!

erschienen im Onlinemagazin für Fantastik ewigewelten.de