Hans-Jörg Dost © Tomas Gärtner
25.08.2025
Karin Großmann

Einer, der sucht und zweifelt, jubelt und trauert

Hans-Jörg Dost liest im Erich Kästner Haus für Literatur

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Er wolle nichts schönreden, schreibt Hans-Jörg Dost zum Auftakt seines neuen Lyrikbandes. Doch er würde schon damit rechnen, etwas aufzuspüren, »das in sich den Keim einer Hoffnung trägt«. Das ist fein vorsichtig formuliert. Auch in den Gedichten trumpft der Dresdner Autor nicht mit Gewissheiten auf. Er gibt sich zu erkennen als einer, der sucht und zweifelt, der zuhört, hinschaut und sich seinen Reim darauf macht in reimlosen Strophen. Die Anstöße kommen aus nahen und fernen Landschaften. Das kann die schwedische Schärenwelt sein oder ein Meer aus wogenden Sonnen in Ungarn, ein Wiener Café oder der Fährgarten in Kleinzschachwitz. Auch Kunst inspiriert den Autor. In zwei Zyklen denkt er nach über Gemälde von Emil Nolde und Marc Chagall. Mehrfach geben Kirchen, Altarbilder oder biblische Figuren einen Impuls zum Schreiben. Dabei sind die Motive nie Selbstzweck. Immer werden sie in Bezug zum Menschen gesetzt. »Ich beschreibe nicht allein das, was mir begegnet, sondern ich versuche auch zu sagen, was das, was mir begegnet, mit einem – wie ich es bin – macht.« Das Staunen über die Wunder der Natur schließt für Hans-Jörg Dost oft eine religiöse Dimension ein.

Der Autor ist von Haus aus Theologe. Er wurde 1941 im Leipziger Stadtteil Leutzsch geboren. In seinem autobiografischen Roman wohin und überhaupt erzählt er von einer behüteten Kindheit: Innerhalb eng gezogener Grenzen lernte er Freiheit kennen und Selbstbestimmung, fand auch an unerwarteten Orten Freunde und Förderer. 1966 erlebte er als dreifaches Glücksjahr. Er bestand das Erste Examen im Theologiestudium, bekam seine erste Tochter und hörte im Radio sein erstes Hörspiel. Viele weitere Sendungen folgten, Theaterstücke, Lyrikausgaben, Prosabände.

Nach dem Studium arbeitete Dost als evangelischer Pfarrer in verschiedenen Gemeinden Sachsens, in Thüringen und in der Steiermark. Fremde trugen ihm ihre Geschichten zu für seine Reden bei Trauungen oder Beerdigungen. Irgendwann begann er, diese gelebten Leben aufzuschreiben. »Mich interessieren Menschen, die sich mit ihrem Los nicht einfach abfinden.« Er wolle zeigen, wie sie selbst unter widrigen Umständen ihre Würde bewahren. Was sie zum Kämpfen motiviert, auch wenn der Kampf aussichtslos scheint. Immer gehe es um existenzielle Situationen, sagte er bei der Premiere seines Erzählbandes Frauen & Männer, Männer & Frauen.

Seit 2008 lebt Hans-Jörg Dost in Dresden. Sein jüngstes Buch 99 Gedichte vereint bereits veröffentlichte und neue Texte. Manche überraschen mit einer vertrackten dialektischen Weltsicht, wie man sie von Volker Braun kennt. In Lage der Dinge wird die politische Situation nach dem Mauerfall festgehalten. Da ist die Rede von jenen, die zuerst den Zaun weghofften, der sie hinderte, das Land zu verlassen. Als sie das Land dann verlassen konnten, kamen andere von draußen und haben das Terrain vermessen – „als wir zurückkehrten, hatten sie sich niedergelassen/ und zeigten uns unsere Grenzen“. Im Gedicht „Magdeburger Trick“ überträgt der Autor das berühmte Experiment von Otto von Guericke auf die Gesellschaft. Das Vakuum stiftet Zusammenhalt, „mag zerren/ was will“. Dost gehörte 1989 zu den Mitbegründern des Demokratischen Aufbruchs in Thüringen. Er beteiligte sich am Aufbau des Europäischen Kulturzentrums in Erfurt und der Literarischen Gesellschaft Thüringens, die bis heute beneidenswert intensiv arbeitet.

Den kritischen Blick auf die Welt hat sich der Autor bewahrt. Sein bitter-zynischer Kommentar zur Lage in Gaza greift die Realität auf. Die Besatzer, schreibt er, würden für Stunden das Feuer einstellen zum Wohle palästinensischer Kinder, um die Polioimpfung durchzuführen: »die kinder sollen – wenn es möglich ist – am leben bleiben«. Das Wort versagt ihm fast angesichts des Fotos, das 2015 um die Welt ging: Ein toter syrischer Junge, angespült an den Strand des Mittelmeeres, »sehe das was ein Kind war«. Ein Schrei gegen die Wehrlosigkeit. In solchen Gedichten dominieren Wehmut und Melancholie. Hilfe holt sich Dost in seinem Gottvertrauen.

 

Hans-Jörg Dost: »99 Gedichte«. Notschriften Verlag Radebeul, 178 Seiten, 14,90 Euro

Lesung am 28.8., 19 Uhr, im Erich Kästner Haus für Literatur Dresden, moderiert von Michael Wüstefeld. Zur Veranstaltung