Sabine Ebert (Bild: Droemer Knaur)
06.11.2025
Karin Großmann

»Wer genug Angst schürt, hat Macht!«

Sabine Ebert erzählt von Kemenate und Kaiserhof

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Still, gehorsam und gebärfreudig. So wünschen sich Männer von Rang ihre Ehefrauen. Diese sind nur Mittel zum Zweck. Sie dienen dem politischen Machterhalt und der Ausweitung des Territoriums. Als Besitz wechseln sie vom Vater zum Gatten. Oft werden sie schon im Kleinkindalter verlobt. Nach der Brautnacht wird das blutige Laken öffentlich ausgestellt als Beweis ihrer Tugend. Ihre wichtigste Pflicht ist ein männlicher Nachfolger. Klappt das nicht, sind sie schuld. Von Liebe ist nur in Minneliedern die Rede.

Generationen von Frauen haben ein trostloses und von Gewalt geprägtes Leben geführt. Das sei einer der schrecklichsten Aspekte bei der Beschäftigung mit dem Mittelalter, schreibt Sabine Ebert im Nachwort ihres neuen Romans. Sie nennt es bestürzend, dass Frauen und Mädchen in Deutschland heute zunehmend bedroht seien. »Gewalt gegen Frauen ist keine Folklore, sondern eine schwere Straftat!« Auf solche Kommentare verzichtet sie beim Erzählen zu Recht. Manche Aktualität liest man mit bei kriegerischen Gemetzeln, Tod und Trauer. Markgraf Heinrich von Meißen ist gut beraten, wenn er den Krieg von seinen Ländern fernzuhalten sucht. Eine dreiwöchige Belagerung erübrigt den Kampf. Das erledigen Ruhr und Typhus.

Der junge Wettiner steht im Zentrum des neuen Romans. Das Buch spielt zwischen 1241 und 1247, vorwiegend in Meißen und Freiberg. Es ist der zweite Teil der Reihe Der Silberbaum. Bei einem Fest sollen Turniersieger mit silbernen Blättern belohnt werden. Dazu wird es wohl erst im dritten Band kommen.

Jetzt herrscht blutiger Ernst. Tatarenhorden sind nur noch drei Tagesritte von Meißen entfernt. Sie mähen alles nieder, was ihnen im Weg steht. Bettelmönche prophezeien den Weltuntergang. Bauern verjubeln den letzten Pfennig. Christen verweigern Juden den Zutritt zur schützenden Stadt. Ein Mann tötet Frau und Töchter. Sie sollen dem Feind nicht in die Hände fallen. Sabine Ebert schildert dramatische Szenen. Sie beschreibt die Atmosphäre als ein Gemisch aus höchster Wachsamkeit, Lethargie und Wahnsinn. »Wer genug Angst schürt, hat Macht.«

Die in Dresden lebende Autorin perfektioniert ihren Stil. Für sie ist die Historie nie nur Kulisse. Die 67-Jährige gräbt tief in sächsischer Geschichte und forscht jedem Detail nach. Schwanenfedern taugen zum Schreiben besser als Gänsefedern. Trinkgläser haben Knubbel, damit sie den Fürsten beim Festmahl nicht durch die fettigen Finger flutschen. Die Lanzen bei Turnieren sind angesägt, um Verletzungen zu vermeiden. Frauen dürfen erst vier Wochen nach der Entbindung die Kirche betreten. Fleischhauer können Ratsherren werden, Seifensieder nicht. Und wie wird in der Freiberger Münze pures Silber in Geld verwandelt? Wie werden die Farben hergestellt für kostbaren Buchschmuck? Was nimmt eine Adlige mit ins Grab? Auch das erfährt man in Sabine Eberts Roman. Ein Bildungsvergnügen. Selbst der Thomanerchor bekommt schon einen Auftritt.

Fakten verknüpfen sich geschickt mit Fiktionen. Reale und erfundene Figuren gehen gemeinsam über den Burghof. Man erlebt den Alltag im Kleinen und die Machtkämpfe im Großen. Sabine Ebert kennt sich in Kemenate und Kaisersaal aus. Mit Markgraf Heinrich hat sie einen hochbegabten Protagonisten. Er regiert Meißen und die Lausitz umsichtig und gerecht, fördert Silberbergbau und Städtebau, gründet Klöster und eine moderne Verwaltung. Am Ende gewinnt er Sachsen und Thüringen. Anders als andere Herrscher achtet und schützt er die Frauen. Heinrich liebt seine Konstanze. Das Minnelied, das er ihr singt, ist überliefert. Ihr plötzlicher Tod wird im Roman in starken emotionalen Bildern beschrieben. Der Medicus weiß nichts von Blinddarmentzündung.

Ein schwerer Konflikt prägt die Zeit und das Buch. Papst agiert gegen Kaiser. Der Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Macht spaltet Völker, Fürsten, Familien. Während der Markgraf von Meißen treu zum Kaiser hält, seinem Lehnsherrn, wechselt sein Thüringer Verwandter Heinrich Raspe die Seite. In der Hoffnung auf Landgewinn schließt sich ihm der Freiberger Burghauptmann an. Seine Frau Änne nicht. »Soll ich dich abstechen oder verstoßen?«, fragt Simon. Er raubt ihr alles, Kleider, Silber, Haus und Hochzeitsgeschenk. Er habe in Freiberg ja nie eine Rolle gespielt, sagt er. Alles drehe sich nur um sie und ihre Vorfahren, den Stadtgründer Christian und die wundertätige Marthe.

Mit diesen Figuren begann Sabine Ebert vor 20 Jahren ihre Karriere als Autorin von Historienromanen. Gleich ihr Erstling Das Geheimnis der Hebamme war sehr erfolgreich. In ihrem neuen, dem 16. Roman zeigt sie, wie eng Politisches mit Privatem zusammenhängt. Als der Überläufer Heinrich Raspe im Kampf stirbt, verliert der Freiberger Burghauptmann nicht nur seinen Gönner. Simon verliert auch das Säckchen mit Ännes Juwelen. Mit spürbarer Freude schafft die Autorin Gerechtigkeit.

Auch die Ausstattung eines Festes dürfte ihr Spaß gemacht haben. Markgraf Heinrich feiert sechs Tage lang. Denn die Tataren haben Meißen verschont, und er bekommt einen Sohn. Sabine Ebert holt Gaukler und Spielleute her, veranstaltet Wettkämpfe, kleidet den Hofstaat neu ein und serviert kulinarische Raritäten: Eiersuppe mit Safran und Pfeffer, gebratenes Huhn mit gebackenen Pflaumen, Pasteten in Form fürstlicher Wappen. Das Beschreiben der Schlemmereien, sagte Sabine Ebert im SZ-Gespräch, war ein hilfreicher Kontrast zu ihren Schmerzen in der Folge von Corona. Nicht zufällig ist es eine kluge Schreiberin, der sie die Hoffnung in den Mund legt: »Das Leben geht weiter trotz aller Unkenrufe. Die Welt wird nicht untergehen, wenn wir Vernunft walten lassen.«

Sabine Ebert: Der Silberbaum. Das Ende der Welt. Knaur Verlag, 461 Seiten, 24 Euro
Ein Artikel für Sächsische Zeitung Dresden.

nächste Lesungen:

12. 11., 18.30 Uhr, Eventgalerie Riesa
13.11., 19.30 Uhr, Buchhandlung Bischofswerda
23. 11., 18 Uhr, Zentralgasthof Weinböhla