Gäbe es die Kategorie Notatgedichte, könnte man die Texte von Zehn Minuten oder länger, dem neuen Gedichtband von Patrick Wilden, so nennen. Ihre Entstehung verdanken die Gedichte dem Augenblick kurz vorm Einschlafen oder zehn Minuten vor Ankunft des Zuges, einer plötzlichen Laune, die zum Notizbuch greifen lässt. Jeder Text ist ein kleines Ereignis, die Rohheit des Moments ist zu spüren. Es geht nicht um das Originelle oder Originale, sondern um „das Nichts, das die Hemmung wegstrich“ (Elke Erb). Viele kleine Ursprünge.
»Zehn Minuten Zugfahrt // bis Bautzen du zählst / die Bilder vorm Fenster zwingst / dich angesichts des Rapses // der zischenden Böschung nicht / zu verlöschen in deinem Sitz / Gedankenblitze wischen // über den grübelnden Himmel / der blau ist hinterm Gezaus / die Bilder zünden etwas an // in dir das Gespür für Zufall / wächst plötzlich immens aus / zagen Zeilen empor ganz Auge // das Ohr nicht zu dicht an / den Schienen so kommst du / zeitversetzt in Bautzen an // für Manuela Bibrach«
In dem Langgedicht erosion von Olav Amende beschleunigt sich die tägliche Routine einer Stadt. Die Geschehnisse intensivieren und überlagern sich, dann gerät etwas ins Rutschen. »zwischen / weißklee und feldklee und / steinklee tummelt sich / das summen der hummeln und / das summen der bienen / das summen der / da drückt eine ballenpresse ackergras / durch einen presskanal und verdichtet es / zu rundballen zu quaderballen zu / da schmeißen sie in der einfahrt eines / eigenheimes tassen teller untertassen / und die smartphones vibrieren / und die automaten funkeln / und sie löscht / löscht / löscht«
In mehreren Anläufen zeichnet erosion gegenläufige Dynamiken unseres gesellschaftlichen Lebens auf. Alles ist miteinander verbunden, alles will akribisch festgehalten werden. Doch die Dinge verselbständigen sich, die Zeichen lösen sich …
Patrick Wilden, geboren 1973 in Paderborn, lebt als Schriftsteller und Redakteur in Dresden. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht, zuletzt Seltsamer Lärm (Scheuring 2024) und das Gedicht-Bilder-Buch Schleichwege (mit Kathrin Brömse, Dresden/Marburg 2023). Texte von ihm wurden ins Arabische, Englische und Niederländische übersetzt. Seit 2000 erhielt er verschiedene Stipendien und Preise.
Olav Amende, geboren 1983 in Berlin, ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen. Im Sommer 2022 erschien sein Langgedicht abwesenheiten in der parasitenpresse. Im Sommer 2024 folgte sein Langgedicht Flurstück 3587/3588. Gedicht auf ein Haus bei hochroth. Er lebt in Leipzig.
Eintritt frei, Spende erwünscht