Mariia Vachko ist Übersetzungs-Stipendiatin der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und des Goethe-Instituts und übertrug unter anderem Christine Nöstlinger und Isabel Abedi aus dem Deutschen ins Ukrainische. Unter der Überschrift »Zwei Sprachen, ein Lottchen – Kästner neu erzählt« spricht sie am 27. Juli im Erich Kästner Haus über die Arbeit an ihrem neuen Projekt.
Sie haben eben Fantasy-Romane von Marah Woolf und einhundert Pixie-Bücher ins Ukrainische übersetzt … Gibt es in der Ukraine gerade ein besonderes Interesse an deutschen Texten?
Bei den genannten Texten war es wohl eher das Interesse an der »Form«. Damit meine ich, dass zum ersten Mal solche 10×10 cm großen Büchlein auf ukrainischem Markt für kleines Lesepublikum vorgeschlagen wurden. Und dazu noch mit so einer breiten Palette von Themen: Dinosaurier, Berufe, Prinzessinnen, Sport und vieles mehr. Zu Marah Woolfs Fantasy-Romanen muss ich sagen: Unter den heutigen Umständen brauchen Leute viel Ablenkung und lesen gern, was sie einfach in andere »Welten« tauchen lässt.
Im Allgemeinen werden jetzt aber häufiger deutschsprachige Autor*innen übersetzt – sowohl klassische, als auch moderne. Besonders beliebt sind gerade Thomas Manns Novellen sowie seine Romane zu den Buddenbrooks und der Zauberberg. Begeisterte Rezensionen gab es auch zu Nino Haratischwilis Buch Das achte Leben (Für Brilka), Sebalds Werke und Kinderbücher von Torben Kuhlmann.
In Tschernowitz (ukr. Tscherniwzi) ist der Books-XXI-Verlag tätig, der unter anderem zielgerichtet deutschsprachige Autoren übersetzt, die ehemals auf dem Territorium der Ukraine lebten, wie Paul Celan, Soma Morgenstern oder Joseph Roth. Man könnten hier noch viele Namen und Beispiele nennen …
Seit mehr als 30 Jahren gibt es Übersetzungen ins Ukrainische vom »Fliegenden Klassenzimmer«, der »Konferenz der Tiere« oder »Emil und die Detektive«. Wie heben sich Neuübersetzungen von diesen älteren Texten ab?
Die beiden Bücher über Emil – auch Emil und die drei Zwillinge – waren die ersten, die die ukrainischen Kinder in die Hand bekamen, und das noch meines Wissens 1978. Später gab es natürlich neue Auflagen von diesen Werken und dazu die Übersetzung von Der kleine Mann. Dieses Buch ist das einzige, das zweimal übersetzt wurde. Daran lässt sich am deutlichsten feststellen, was anders geworden ist oder sich überhaupt unterscheiden kann: Für mich sind das meistens nicht die Unterschiede im Sprachgebrauch im Sinne des zeitlichen Kontexts (obwohl das auch), wesentlicher ist die Rolle des individuellen Übersetzers (in beiden Fällen eigentlich Übersetzerinnen). Was mir sofort auffällt, sind die Fußnoten, die in den »neueren« Übersetzungen ja üblicher geworden sind.
Das fliegende Klassenzimmer und Die Konferenz der Tiere sind beide 2007 veröffentlicht, übertragen von zwei unterschiedlichen Übersetzern. In beiden ist Sprache wiederum unterschiedlich.
Ihr Arbeitsprozess umfasst auch, sich das Buch Stück für Stück zu erlesen und in eine Rohübersetzung zu überführen …
Bei meiner Arbeit als Übersetzerin der schöngeistigen Literatur mag ich gerade sehr, dass ich die Texte (und meine Übersetzung dann auch) mehrmals lesen kann, in bestimmten Zeitabständen. Hier meine ich, dass ich zuerst meine Rohübersetzung lese, dann warte auf den lektorierten Text, dann wiederum auf den korrektierten und so weiter. Natürlich ist das manchmal auch anstrengend, nervig, aber man hat immer die Möglichkeit, denselben Text »frisch« zu lesen und immer wieder etwas Neues, etwas Wichtiges zu berichtigen, damit alle Schattierungen des Originaltextes wahrgenommen werden und die Übersetzung fließender klingt.
Während des Stipendiums arbeiten Sie in den Werkstatt-Häusern in Hellerau – wie viel Nähe zu Erich Kästner brauchen Sie für Ihre Arbeit?
Als ich nach Dresden gekommen bin, wusste ich sofort, dass ich möglichst näher an ihn »herankommen« möchte. Ich habe natürlich sofort das Erich-Kästner-Museum besucht, bei der Erich-Kästner-Rallye mitgemacht, seine Biografie von Sven Hanuschek sowie Kästners Bücher gelesen. Das gibt mir das Gefühl, dass ich den Autor irgendwie besser verstehen kann.
Jetzt steht vor mir noch die Kästner-Tour mit dem Audioguide, die ich unbedingt nach dem Lesen von Als ich ein kleiner Junge war machen will.
Im Subtext des »Doppelten Lottchens« liegen für Sie die leidvollen Trennungen für Kinder. Wie kann das Buch hier Trost spenden?
Darüber muss ich nachdenken … Die Trennung — das ist der Schmerzpunkt von vielen ukrainischen Familien in der jetzigen Zeit des Krieges. Kinder sehen ihre Väter nicht, weil die zum einen Militärdienst leisten und ihr Zuhause verteidigen oder zum anderen, weil die Kinder mit ihren Müttern ins Ausland umgezogen sind, um dort in Sicherheit zu leben. Im Buch geht es um die Scheidung der Eltern, die dann am Ende doch zusammenkommen. Gerade das könnte eine Hoffnung geben, ja, Trost spenden, wie Sie sagten: Das Wiedersehen. Andererseits ist es auch nicht gut, wenn ein Kind auf etwas Unrealistisches hofft. Deswegen ist das eine wirklich schwierige Frage.
Mit Ihrer Familie leben Sie nach wie vor im Westen der Ukraine …
Ich lebe nach wie vor in der Ukraine und empfinde meinen Ort, der ganz an der Grenze zu Polen gelegen ist, als »relativ sicher«. »Relativ« sage ich, weil wir alle Luftalarme, die in unserem Gebiet angemeldet sind, erleben: Ich muss dann beispielsweise schnellstmöglich meine Tochter aus dem Kindergarten nach Hause bringen, da es dort keinen angemessenen Luftschutzkeller gibt. Der Luftalarm kann dann vielleicht zwanzig Minuten dauern, aber auch mal vier Stunden. Unter solcher Unsicherheit, Unbestimmtheit ist es nicht so leicht, einen Tagesrhythmus zu haben, aber wir versuchen es.
Trotz des Krieges geht das Leben weiter: Die Kinder gehen in die Schulen, es wird auch viel renoviert, viel gebaut rund herum – wie paradox es auch klingt. Man hofft einfach, dass dieser schreckliche Krieg bald zu Ende ist.
Wie alt ist ihre eigene Tochter?
Meine Tochter ist jetzt viereinhalb, und seit dreieinhalb Jahren lebt sie im Krieg. Eines ihrer ersten Wörter war »woha«, gekürzt von »trywoha«, also »Luftalarm«. Sie erinnert sich noch bis heut daran, dass wir den ganzen ersten Monat des Krieges im Flur geschlafen haben. Wir wussten damals nicht, wie weit das alles kommt, und hielten einfach die Vorschrift der Verwaltung ein: Es ist immer sicherer, zwischen zwei Wänden zu bleiben, wenn es zu Beschüssen kommt. Und da es Luftalarme auch häufig in der Nacht gab, wollte ich die Kinder nicht ständig wecken. Das tun bis heute all die Familien, die weiter in der Ukraine bleiben …
Am Anfang des Krieges hatte ich riesige Angst zu bleiben. Ich hatte sogar den so genannten »Notfallkoffer« gepackt. Aber dann dachte ich mir: »Wenn ich hier, so nahe an der EU, nicht in Sicherheit sein kann –, wer kann mir dann versichern, dass ich dort in Sicherheit wäre?« Also bin ich geblieben.
Das Gespräch führte Josefine Gottwald
Mariia Vachko wurde 1994 in Krakowez, Ukraine, geboren und studierte Translationswissenschaft und interkulturelle Kommunikation an der Iwan-Franko-Universität in Lwiw. Seitdem arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin aus dem Deutschen mit verschiedenen ukrainischen Verlagen. Mehr als 20 ihrer Übersetzungen sind bereits erschienen.
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