Utz Rachowski (c) privat
01.10.2025
Tomas Gärtner

Deutsch-deutsches Exil …

Monographie gibt Einblick in Leben und Literatur Utz Rachowskis

Zurück

Dank der Monographie von Alexander Saechtig (Bochum) lernen wir Leben und Werk von Utz Rachowski erstmals konzentriert und in belegten Details kennen. Dass er damit der unterdrückten und wenig beachteten Literatur dieses Dichters, geboren 1954 in Plauen im Vogtland, aufgewachsen in Reichenbach, einen angemessenen Platz in der Literaturgeschichte einräumen möchte, ist verdienstvoll. Interessant ist das Buch auch in anderer Hinsicht.

Zunächst enthält es ungedruckte früheste Gedichte und Prosatexte. Noch ungelenke natürlich. Doch gibt sich darin die Geisteshaltung eines Jugendlichen in der DDR kund, der sich ideologischen Vorgaben verweigert und eigene Erfahrungen dagegenstellt.

Sehr bedrängende machte er 1973 auf einer Reise nach Polen. Im Krankenhaus, in das er sich wegen eines schweren Infekts begeben muss, begegnet der 19-jährige Erzähler einem 91-jährigen Mann, dem deutsche Soldaten im Warschauer Ghetto die Hoden zertreten haben. Für die anderen Patienten gehört der Jugendliche unausgesprochen zum Tätervolk. Als er ihnen jedoch seinen polnischen Familiennamen nennt, behandeln sie ihn als Freund.

Rachowskis Vater war 1918 im polnischen Zdunska Wola geboren worden, als Sohn deutschstämmiger Eltern, die in den 1920er Jahren nach Deutschland auswanderten. Entfloh der Großvater damit der Wehrpflicht, so zog der Vater in der Waffen-SS gegen Polen in den Krieg.

Seinem Sohn öffnete Polen die Augen. Den kollektiven Antifaschismus der Vätergeneration begriff er als Lüge und löste sich vom autoritären Vater. Das immunisierte ihn früh gegen das Totalitäre.

Sein Freund, der Schriftsteller Jürgen Fuchs (1950-1999), kritisierte wie viele den realen Sozialismus aus den Schriften von Marx und Engels heraus. Rachowski lehnte das als »verlorene Lektüre-Zeit« ab.

Mit seiner Familie brach er nicht. In seiner Sanftmut geriet er eher nach der Mutter. Er ist für andere da, analysiert besonnen, sachlich statt emotional, selbst in widrigen Situationen. In der Erweiterten Oberschule (EOS) gründete er einen Philosophieclub. Lehrer warfen ihm vor, Argumenten des »Klassengegners« zu folgen. Er musste die Schule verlassen. Das Abitur holte er an der Arbeiter- und Bauernfakultät nach; begann ein Medizinstudium, bewarb sich für Germanistik, wurde exmatrikuliert, arbeitete als Heizer. Bis man ihn 1979 wegen »staatsfeindlicher Hetze« verurteilte, unter anderem für fünf Gedichte.

Die Haft war brutal. Dennoch, das zählt zum Ungewöhnlichen seiner Persönlichkeit: Er verbitterte nicht. Nie rechnete er mit Einzelnen ab, seinen Peinigern im Gefängnis etwa. Er klagte an, was hinter dem Individuum stand, eine Gruppierung, eine Ideologie, ein System. Und er vergaß nie jenen Mitgefangenen, der einige seiner Gedichte auswendig kannte.

Was er in der Haft dichtete, prägte er sich ein. Aufschreiben konnte er das erst nach der Entlassung. Die gelang 1980 durch Vermittlung von Amnesty International und den Einsatz des Dichters Reiner Kunze. Die Behörden schoben ihn in den Westen ab.

Innerlich ist er dort jedoch nie angekommen. Von politischer Haft, einem brutalen Schließer, den sie »Roter Terror« nannten, konnte er Studenten, unter denen Maoisten und Trotzkisten den Ton angaben, nichts erzählen. Sie sprachen dieselbe Sprache, doch er fand sich in einem völlig anderen kulturellen Raum. Sein »deutsch-deutsches Exil« hat er das genannt.

Während die allermeisten sich westlich orientierten, schloss er Freundschaft mit dem Dichter Adam Zagajewski (1945-2021), schmuggelte 1982 Verse von ihm und anderen verbotenen Autoren aus Polen, um sie in Westberlin zu veröffentlichen.

Die Polen sprachen eine andere Sprache, aber mit ihnen verstand er sich. Konzentriert erlebte er das 1997 bei »wortlust«, einem Festival polnischer und ostdeutscher Lyriker in Lublin.

Utz Rachowski besitzt mehr als nur den Blick für Vergessene, Namenlose. Seit 2003 reist er als Bürgerbeauftragter im Auftrag des Sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen durchs Land, um Opfern der DDR-Diktatur zu Rehabilitierung und Entschädigung zu verhelfen. Weit über 10.000 Leute hat er bislang betreut.

 

Alexander Saechtig: Utz Rachowski. Literarische Standortbestimmungen in Leben und Werk. Thelem Universitätsverlag. 376 S., 34,80 Euro

Ein Beitrag aus Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) Kultur, 20. August 2025.