Ingo Schulze, Bild von Frank Buttenbender, Städtische Bibliotheken Dresden
Autor Volker Sielaff fragt, Bild: privat
/ 2
13.08.2021
Volker Sielaff

DIE FÜNF. Fragen an Ingo Schulze

Zurück

Aristoteles unterschied fünf Sinne des Menschen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn.

Nach taoistischer Tradition gibt es fünf Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall.

Die Fünf ist auch die Zahl der Liebe.

Der Autor Volker Sielaff findet: Grund genug, Schriftstellerinnen und Schriftstellern fünf Fragen zu stellen und sie um grundlegende wie sinnlich-sinnige Antworten zu bitten.

Worüber haben Sie zuletzt gestaunt?

Wie schnell in den letzten Monaten ein Klima der Pseudo-Korrektheit über Hand genommen hat, seien es willkürliche Sprachregelungen, sei es der Umgang mit Kunst. Ich selbst spüre die Grenzen meiner Erfahrung vor allem auch dann, wenn ich schreibe. Ich war froh, dass es mir – ja welches Verb ist jetzt treffend, am ehesten: – widerfahren ist, eine jüngere Frau mit westdeutschem Hintergrund in der Ich-Form den dritten Teil meines jüngsten Romans »sprechen« zu lassen. Obwohl ich mit einer südwestdeutschen Frau verheiratet bin ­– oder vielleicht gerade deshalb –, käme es mir nie in den Sinn, eine literarische Figur in der Zeit der BRD vor 1989 anzusiedeln. Und ich finde es selten gelungen, wenn man es andersherum versucht. Trotzdem würde ich immer dafür eintreten, dass in der Kunst alles möglich sein kann, dass Frauen Männermonologe schreiben oder umgekehrt, dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, welches Geschlecht und welche Hautfarbe Übersetzer haben und so weiter. Dass es gut sein kann, dieses Kriterium mit einzubeziehen, halte ich für selbstverständlich. Aber warum soll nicht eine Frau die bessere Übersetzung für einen von einem Mann geschriebenen Text liefern und umgekehrt. Darüber lässt sich schwer streiten, weil es die jeweiligen Selbstverständlichkeiten betrifft, als grundlegende Überzeugungen. Ein Sprachwissenschaftler rief vor ein paar Tagen bei einer Zoom-Konferenz verzweifelt: Darf denn Hamlet nur noch von dänischen Prinzen dargestellt werden?

Worüber waren Sie zuletzt zornig?

Das Wort »zornig« verträgt sich nicht so recht mit »zuletzt«. Zorn ist ja anders als Wut etwas Tiefsitzendes, das vom Alltag eher unabhängig existiert. Vielleicht ist ja Wut die Nichte oder gar Großnichte des Zorns? Mir kommt sofort die Wendung »Zorn Gottes« in den Sinn. Götter und Helden zürnen. Und im Zorn ist schon die Strafe angelegt. Deshalb ist Zorn eher den Mächtigen zugeordnet, den Schwachen bestenfalls Coolness, also das Bestreben, sich von Schmerz und Demütigung unabhängig zu machen, um die eigene Würde zu bewahren, und wenn es das Leben kostet.

Insofern würde ich den heiligen Zorn nicht für mich beanspruchen wollen, aber schon eine kontinuierliche Wut gegenüber Ungerechtigkeit – aber auch gegen Selbstgerechtigkeit und Undifferenziertheit. Beides ist mir selbst nicht fremd, beides finde ich leider auch immer wieder in mir selbst. Deshalb bringt es mich ja auch so auf die Palme.

Welcher Ort inspiriert Sie?

Ich liebe sehr unsere Datscha in Prieros, die sich südöstlich von Berlin befindet, von Tür zu Tür sind das ca. 45 Minuten mit dem Auto, mitten im Kiefernwald, aber ganz nah am »Tiefen See«, der im Frühjahr und Frühsommer noch etwas trüb ist, sich aber dann von Tag zu Tag weiter klärt, bis man etliche Meter tief sehen kann. Das »Augustwasser« ist das weicheste Wasser, das ich kenne. Unter den Kiefern zu arbeiten ist ein Glück. Wenn ich glaube, eine besonders schwierige Stelle vor mir zu haben (und es Sommer ist), dann schaffe ich es in Prieros oder nirgendwo. Wir hoffen nur, da es ein Pachtgrundstück ist, dass wir bleiben können.

In welche Zeit würden Sie sich mit einer Zeitmaschine befördern lassen?

Wahrscheinlich würde ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, denn so eine Zeitreise würde mich wohl derart nachhaltig verwirren, dass ich fürchten müsste, aus meiner eigenen Zeit zu fallen. Wenn es gar nicht anders geht, dann vielleicht ein Jahr weiter in Richtung Zukunft.

Welche historische Person würden Sie gern für eine ausgedehnte Berg- bzw. Strandwanderung treffen?

Eine Harzwanderung mit Heinrich Heine? Oder eine Badekur mit Lichtenberg auf Hiddensee?

Letzten Monat lasen Sie Fünf Fragen an Nadja Küchenmeister

Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren und lebt in Berlin. Nach dem Studium der klassischen Philologie in Jena arbeitete er zunächst als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Bereits sein erstes Buch »33 Augenblicke des Glücks«, 1995 erschienen, wurde sowohl von der Kritik als auch dem Publikum mit Begeisterung aufgenommen. »Simple Storys« (1998) wurde ein spektakulärer Erfolg und ist Schullektüre. Es folgten das Opus magnum »Neue Leben« (2005), die Erzählungen »Handy« (2007) und »Orangen und Engel« (2010) sowie die Romane »Adam und Evelyn« (2008) und »Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst« (2017), für den Ingo Schulze mit dem Rheingau Literatur Preis ausgezeichnet wurde und der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Zudem veröffentlichte Ingo Schulze Essays und Reden, darunter »Was wollen wir?« (2009) und »Unsere schönen neuen Kleider« (2012), sowie das Künstlerbuch »Einübung ins Paradies« (2016). Im Frühjahr 2020 erschien der Roman »Die rechtschaffenen Mörder«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Am 1. Oktober 2020 wurde Ingo Schulze mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für sein Engagement als politischer Autor und Künstler ausgezeichnet. Ingo Schulzes Werk wurde auch mit internationalen Preisen ausgezeichnet und ist in 30 Sprachen übersetzt. (www.ingoschulze.com)

Volker Sielaff lebt als Autor und Publizist in Dresden und ist Mitorganisator des Festivals für Zeitgenössische Literatur »Literatur Jetzt!«. Mehrere Gedichtbände und ein Journal liegen vor, unter anderem »Glossar des Prinzen« und »Überall Welt«. Soeben erschien ist im Verlag Voland & Quist / Edition Azur sein neues Buch »Barfuß vor Penelope«. Michael Braun sagte dazu im Deutschlandfunk: »In seinem neuen Gedichtband »Barfuß vor Penelope« treibt Sielaff seine Sprachkunst auf die Spitze und durchläuft hierbei von Kapitel zu Kapitel immer neue Selbstverwandlungen.«