Nadja Küchenmeister, Bild von Dirk Skiba
Autor Volker Sielaff fragt, Bild: privat
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06.07.2021
Volker Sielaff

DIE FÜNF. Fragen an Nadja Küchenmeister

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Aristoteles unterschied fünf Sinne des Menschen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn.

Nach taoistischer Tradition gibt es fünf Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall.

Die Fünf ist auch die Zahl der Liebe.

Der Autor Volker Sielaff findet: Grund genug, Schriftstellerinnen und Schriftstellern fünf Fragen zu stellen und sie um grundlegende wie sinnlich-sinnige Antworten zu bitten.

Worüber haben Sie zuletzt gestaunt?

Darüber, dass wohl über 80% der kuriosen Vogellaute im Hinterhof auf einen Vogel, nämlich den Star (eher: mehrere Stare), zurückzuführen sind. Virtuose kleine Angeber.

Worüber waren Sie zuletzt zornig?

Darüber, dass eine Darknet-Plattform, auf der Bilder und Videos getauscht wurden, die den Missbrauch an Kindern zeigen, mehr als 400.000 registrierte Mitglieder verzeichnete, und ich denke erneut: Eltern, die Fotos ihrer Kinder in sozialen Netzwerken teilen – Geburtstag, Spaziergang im Zoo, Planschen im Pool –, weil sie andere an ihrem Glück teilhaben lassen wollen, sollten sich bewusstmachen, dass man Kinder auch mit vermeintlich harmlosen Aufnahmen einer unbekannten Öffentlichkeit ausliefert, dass sich auch diese Fotos auf solchen Seiten finden. Kinder sind kleine Menschen, die ihre Persönlichkeitsrechte noch nicht selbstständig vertreten, die keinen Einspruch erheben können. Ab und an sollte man sich daran erinnern.

Welcher Ort inspiriert Sie?

Mich inspiriert nahezu jeder Ort, an dem ich gewesen bin und den ich auch wieder verlassen habe. An einem neuen Ort ist erst einmal alles Eindruck, Reiz, Erlebnis, reine Gegenwart. Der zeitliche und räumliche Abstand fügt dem Ort etwas Entscheidendes hinzu, das ihn mich vielleicht überhaupt erst fassen und in jene Geschichte einspeisen lässt, die ich mir über mein Leben erzähle. Derzeit inspiriert mich Lissabon. Aber auch Köln, wo ich arbeite, aufgrund der Pandemie jedoch momentan nicht sein kann. Und mein Küchentisch, an dem ich schreibe.

In welche Zeit würden Sie sich mit einer Zeitmaschine befördern lassen?

In jede Zeit, die ich nicht erlebt habe. Derzeit am liebsten ins 19. Jahrhundert. Das 16. Jahrhundert kommt uns so unfassbar weit weg vor (und reizte mich natürlich auch), doch ich glaube, wir wären erstaunt, wie fremd uns schon das Leben vor 150 Jahren erschiene.

Welche historische Person würden Sie gern für eine ausgedehnte Berg- bzw. Strandwanderung treffen?

Zunächst: Obwohl ich die Berge liebe, bevorzuge ich eine Strandwanderung. Eine historische Person, aus welchem Jahrhundert auch immer, würde ich gern treffen. Wie fühlte sich in der jeweiligen Zeit Gegenwart an? Muss keine bekannte Person sein. Hätte ich einen persönlichen Wunsch frei, würde ich mich gern mit dem Vater meines Vaters unterhalten, der sich vor dessen Geburt das Leben nahm. Von ihm erhalten geblieben ist nur ein einziges Foto. Worüber dachte er nach? Wie klang seine Stimme? Wie sah er aus, wenn er lachte? Würde ich Züge meines Vaters in seinem Gesicht erkennen? Wovor hatte er Angst?

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Nadja Küchenmeister wurde 1981 in Berlin geboren, wo sie aufwuchs und heute als freie Autorin lebt. Sie studierte Germanistik und Soziologie an der TU Berlin sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte Gedichte und Prosa in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, lehrte u.a. am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und arbeitet für den Rundfunk, für den sie auch Hörspiele und Features schreibt. Ihr erster Gedichtband »Alle Lichter«, der 2010 bei Schöffling & Co. erschien, wurde im Juni desselben Jahres von der Darmstädter Jury zum »Buch des Monats« gewählt. 2014 erschien ihr zweiter Gedichtband »Unter dem Wacholder«, 2020 ihr dritter Gedichtband »Im Glasberg«. 

Volker Sielaff lebt als Autor und Publizist in Dresden und ist Mitorganisator des Festivals für Zeitgenössische Literatur »Literatur Jetzt!«. Mehrere Gedichtbände und ein Journal liegen vor, unter anderem »Glossar des Prinzen« und »Überall Welt«. Soeben erschien ist im Verlag Voland & Quist / Edition Azur sein neues Buch »Barfuß vor Penelope«. Michael Braun sagte dazu im Deutschlandfunk: »In seinem neuen Gedichtband »Barfuß vor Penelope« treibt Sielaff seine Sprachkunst auf die Spitze und durchläuft hierbei von Kapitel zu Kapitel immer neue Selbstverwandlungen.«