Lutz Seiler in der Lesung aus »Stern 111« in den Städtischen Bibliotheken, Foto: Frank Buttenbender
Autor Volker Sielaff fragt, Bild: privat
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29.04.2021
Volker Sielaff

DIE FÜNF. Fragen an Lutz Seiler

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Aristoteles unterschied fünf Sinne des Menschen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn.

Nach taoistischer Tradition gibt es fünf Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall.

Die Fünf ist auch die Zahl der Liebe.

Der Autor Volker Sielaff findet: Grund genug, Schriftstellerinnen und Schriftstellern fünf Fragen zu stellen und sie um grundlegende wie sinnlich-sinnige Antworten zu bitten.

Worüber haben Sie zuletzt gestaunt?

Ich staune ziemlich viel, ich bin bereit dazu. Letzte Woche war es der Schneepflug am Strand, der von einem kleinen Pferd gezogen wurde, zwei Frauen mit Pelzmützen saßen auf dem Kutschbock. Manchmal musste eine von ihnen absteigen und das kleine Pferd ziehen. Am Strand von Huvudsta, wo ich jeden Tag eine Stunde laufe, gibt es Schiffe, Steine, das Café im Bootshaus und eigentlich immer etwas zum Staunen.

Worüber waren Sie zuletzt zornig?

Über die Missachtung von Kunst und Kultur in der Pandemie. Über die fehlende Wertschätzung, die sich in den Verlautbarungen der verantwortlichen Politiker zeigte, wenn über die Handhabung bestimmter Bereiche unter den Bedingungen der Pandemie gesprochen wurde – anfangs spielten Theater, Kinos, Musik und Literatur dort gar keine Rolle, dann rangierte die Kultur auf einer Ebene mit Nagelstudios und Bordellen (nichts gegen die Wichtigkeit von Nagelstudios und Bordellen). Ich glaube, die Pandemie war eine Lehrstunde über den eigentlichen Stellenwert der Kultur – in den Köpfen der Politiker. Ich habe mich auch gefragt, was das für Leute sind, die diese Verlautbarungen schreiben, die Spindoktoren, die Redenschreiber, Referenten, Sekretäre – ich bin sicher, einiges geht auf ihr Konto, auf das Konto ihres Unvermögens, diese Wertschätzung zu empfinden und sprachlich angemessen auszudrücken. Denn darum wäre es (neben den folgenden konkreten Maßnahmen) zuerst gegangen: Zu sagen, was wichtig ist für eine Gesellschaft (»systemrelevant«, wie es jetzt immer heißt) und erhalten werden soll. Da kam die Kultur lange nicht vor, oder eben nur als ökonomische Kategorie, auf Ebene des Nagelstudios. Was sind das für Leute, die diese Reden und Stellungnahmen schreiben, was ist in ihren Köpfen los? Was sind das für Politiker, die sich mit solchen Texten zufrieden geben? Was ist mit ihnen los? In diesem Sinne lieferte die Pandemie einiges an Aufklärung. Eine Ernüchterung: Kultur und Kunst sind das Allerletzte in dieser Gesellschaft, ein Anhängsel, nicht wirklich notwendig.

Welcher Ort inspiriert Sie?

hausen

so sind sie: nah & ähnlich. orte
stehen an den straßen ohne anschluss da –
abwesend, verlassen oder nur
wie angelehnt

mit schrägdach, pappe, wellasbest – wie du
im denken mit den resten, trümmern
& fragmenten, schon zu lange auf das gute
abgeklopft mit groben händen: als

ob sprichworte noch reifen müssten
auf einer schweren zunge, von
ihrem sprecher weit entfernt; du spürst

das atmen an den unterseiten, wind
der sich die aussaat legt
& jeder raum ist völlig abgeschnitten
von dem, was in dir weiter geht

In welche Zeit würden Sie sich mit einer Zeitmaschine befördern lassen?

Zeitweise würde ich gern in die Jugendzeit meiner Großmutter Ilse reisen – aus Recherchegründen. Dann aber wieder zurück.

Welche historische Person würden Sie gern für eine ausgedehnte Berg- bzw. Strandwanderung treffen?

Ich weiß nicht, »ausgedehnt« wandere ich nicht so gern. Ein kleiner Spaziergang am Strand vielleicht mit Freunden von früher.

In Folge 11 lasen Sie: Fünf Fragen an Kathrin Schmidt.

 

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren, heute lebt er in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. 1990 schloss er ein Studium der Germanistik ab, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus. Er unternahm Reisen nach Zentralasien, Osteuropa und war Writer in Residence in der Villa Aurora in Los Angeles sowie Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Uwe-Johnson-Preis, 2014 den Deutschen Buchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse 2020. Zuletzt erschien sein Roman »Stern 111«, im August 2021 dürfen sich seine Leser auf neue Gedichte von ihm freuen, dann wird der Band »schrift für blinde riesen« herauskommen. 

Volker Sielaff lebt als Autor und Publizist in Dresden und ist Mitorganisator des Festivals für Zeitgenössische Literatur »Literatur Jetzt!«. Mehrere Gedichtbände und ein Journal liegen vor, unter anderem »Glossar des Prinzen« und »Überall Welt«. Soeben erschien ist im Verlag Voland & Quist / Edition Azur sein neues Buch »Barfuß vor Penelope«. Michael Braun sagte dazu im Deutschlandfunk: »In seinem neuen Gedichtband »Barfuß vor Penelope« treibt Sielaff seine Sprachkunst auf die Spitze und durchläuft hierbei von Kapitel zu Kapitel immer neue Selbstverwandlungen.«