Autorenfoto Kathrin Schmidt, Bild von Dirk Skiba
Autor Volker Sielaff fragt, Bild: privat
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01.04.2021
Volker Sielaff

DIE FÜNF. Fragen an Kathrin Schmidt

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Aristoteles unterschied fünf Sinne des Menschen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn.

Nach taoistischer Tradition gibt es fünf Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall.

Die Fünf ist auch die Zahl der Liebe.

Der Autor Volker Sielaff findet: Grund genug, Schriftstellerinnen und Schriftstellern fünf Fragen zu stellen und sie um grundlegende wie sinnlich-sinnige Antworten zu bitten.

Worüber haben Sie zuletzt gestaunt?

Seltsame Zeiten, seltsame Antwort: Gestern Vormittag schlug der bayrische Ministerpräsident, Markus Söder, vor, deutsche Politiker mit dem AstraZeneca-Impfstoff zu impfen. Am Nachmittag dann die Mitteilung, dass Deutschland die Impfungen mit diesem Stoff auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts aussetze. Staunen ist nicht verwunderlich, oder?

Worüber waren Sie zuletzt zornig?

Mein letzter Zorn ist nicht vorüber, sondern hält an. Man möge mir verzeihen, ihn hier nicht offenlegen zu wollen. Es sprengte den Anlass.

Welcher Ort inspiriert Sie?

Eine vorpommersche Kleinststadt an der Grenze zu Mecklenburg: Tribsees. Mein Wunsch- und Traumort. Mittelalterliche Stadtanlage. Europamittel sorgten nach 1990 für sanierte Straßen und Gassen, intakte Straßenbeleuchtung, Kunst auf dem Markt. Jedoch lassen sich die großen Brachflächen zwischen oft ruinösen Häusern, auf denen einst noch ruinösere standen, nicht übersehen. Viel Leerstand. Von einem Stadttor aus ist das gegenüberliegende in 700 m Entfernung zu erblicken. Außerhalb der vormaligen Mauern hat sich das Städtchen um ein Speckgürtelchen erweitert, in dem es nicht ganz so zerfallen aussieht, aber eben auch nicht wie in einer Stadt. Ich ertappe mich bei Zuzugs- und Belebungswünschen für den Fall eines Lottogewinns. Viel Inspiration beziehe ich immer wieder vom Spazieren über Nord-, Ost-, Süd- und Westmauerstraße zur Nord- und Südquebbe, über die Knochenhauerstraße zum Kirchplatz auf dem Katharinenberg. Leider enden diese Gänge fast immer mit der Rückkehr durchs Mühlentor zum Parkplatz, wo mein Auto steht. Es gibt kein Hotel. In meinem Roman Kapoks Schwestern ist dieser Sehnsuchtsort unter dem Namen »Trebesee« zu finden …

In welche Zeit würden Sie sich mit einer Zeitmaschine befördern lassen?

Mein größter Wunsch wäre nur durch eine Raum-Zeit-Maschine zu erfüllen: Die USA um 1900. Allerdings mit Tarnkappe und unter Wahrung der Rückreisemöglichkeit.

Welche historische Person würden Sie gern für eine ausgedehnte Berg- bzw. Strandwanderung treffen?

Ich bin Einzelgängerin. Insofern kann ich diese Frage nur beantworten unter Streichung des Wortes »gern«. Vorstellbar, dass ich mit Paul Celan während einer solchen Wanderung ins Gespräch käme über seine Zeit in Czernowitz, seine Freundschaft mit Ruth Lackner, seine Kennenlernen von Rose Ausländer im Czernowitzer Ghetto oder seine Beziehung zu Immanuel Weißglas. Ich könnte ihm Fragen stellen, deren Beantwortung mich wirklich interessiert. Ob er darauf einginge? Neugierig bin ich jetzt doch …

In Folge 10 lasen Sie: Fünf Fragen an Mirko Bonné.

Veranstaltungshinweis: Kathrin Schmidt wird ihre Antrittslesung als Dresdner Stadtschreiberin 2021 voraussichtlich am 25. Juni 2021 19:30 in der Zentralbibliothek im Kulturpalast halten.   

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, arbeitete als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Sie erhielt für ihre literarischen Arbeiten zahlreiche Preise, darunter den Leonce-und-Lena-Preis 1993. Ihr 1998 erschienener Roman »Die Gunnar-Lennefsen-Expedition« wurde mit dem Förderpreis des Heimito-von-Doderer-Preises und dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1998 ausgezeichnet. Für ihren Roman »Du stirbst nicht« erhielt sie 2009 den Preis der SWR-Bestenliste und den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschienen ihre Gedichtbände »waschplatz der kühlen dinge« (2018) und »Sommerschaums Ernte« (2020). Kathrin Schmidt hat in diesem Jahr das Amt der Dresdner Stadtschreiberin inne. 

Volker Sielaff lebt als Autor und Publizist in Dresden und ist Mitorganisator des Festivals für Zeitgenössische Literatur »Literatur Jetzt!«. Mehrere Gedichtbände und ein Journal liegen vor, unter anderem »Glossar des Prinzen« und »Überall Welt«. Soeben erschien ist im Verlag Voland & Quist / Edition Azur sein neues Buch »Barfuß vor Penelope«. Michael Braun sagte dazu im Deutschlandfunk: »In seinem neuen Gedichtband »Barfuß vor Penelope« treibt Sielaff seine Sprachkunst auf die Spitze und durchläuft hierbei von Kapitel zu Kapitel immer neue Selbstverwandlungen.«