Manuel Frey, Foto von Oliver Killig
Sechs bedeutende Bücher für Manuel Frey (Foto: privat)
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17.11.2020
Manuel Frey

Die Lesebiografie: Sechs Bücher aus dem Regal von Manuel Frey

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Unsere Lektüre prägt unsere Persönlichkeit. In der Reihe »Die Lesebiografie« schreiben Menschen aus dem Kulturbetrieb über Bücher, die sie beeindruckt und geformt haben, und zeigen sechs Werke aus ihrem Regal, mit denen sie eine besondere Zeit ihres Lebens verbinden. Gute Literatur wirkt in uns lange nach, sie verbindet Menschen in ihren Empfindungen und begleitet sie manchmal ein Leben lang …

Es ist gar nicht so einfach, eine Auswahl zu treffen, denn mein Bücherregal hat sich mit mir über die Jahre immer wieder gewandelt. Von den Kinderbüchern will ich hier nicht sprechen. Ich erinnere mich an die Klassiker: Erich Kästner, Otfried Preußler, später, als Jugendlicher: Karl May, Hermann Hesse. Nichts davon findet sich heute noch in meinem Bücherregal. Es bleiben die gültigen Bücher, deren Lektüre mich seit vielen Jahren beschäftigt, zugegeben oft deshalb, weil ich den Inhalt bei frühen Lektüren nicht verstand oder nicht hinreichend ausgeschöpft habe. Aber jedes tiefere Nichtverstehen hat mich ein Stück weitergebracht, Sehnsüchte geweckt, Ideen hervorgerufen. Aus Büchern wurden Lebensbegleiter. Die folgenden Bücher stehen beispielhaft für meine »Lebensbücher«. Oft waren es die Herausgeber oder andere Vermittler, die mir den Weg zum Verständnis des jeweiligen Autors geebnet haben. Diese Mittler zu erwähnen, ist selbstverständlich, denn es handelt sich hier ebenfalls, in einem speziellen Sinn, um Übersetzer.

Vom Schaukeln der Dinge. Montaignes Versuche. Ein Lesebuch von Mathias Greffrath (1984).

Wann man damit beginnen soll, Montaigne zu lesen, ist schwer zu sagen. Jedenfalls so früh wie möglich und heute unbedingt in der Übersetzung von Hans Stilett. 1984 hatte ich gerade die Schule abgeschlossen. Da sah ich in einer Buchhandlung meiner Heimatstadt im Schaufenster ein Taschenbuch aus dem Verlag Wagenbach, dessen lässiger Titel mich angesprochen hat. Vom Schaukeln der Dinge. Es war ein großes Glück, dass ich damals, als mein Leben zum ersten Mal kräftig schaukelte, vermittelt durch die klugen Kommentare des Herausgebers Mathias Greffrath, den Philosophen Michel de Montaigne entdeckt habe, dessen skeptisches, freies, durch und durch eigenständiges Denken mir zeitlebens ein Leitstern bleiben wird. Später kamen weitere Ausgaben der Essais hinzu, seit einiger Zeit befindet sich in meiner Bibliothek sogar eine der seltenen frühen französischen Gesamtausgaben von Marie de Gournay, die in Paris bei Claude Rigaud erschienen sind. Montaignes Einsichten gelten heute genauso wie vor 500 Jahren: »Die Welt ist eine Schaukel. Alle Dinge schaukeln in ihr ohne Unterlass.« Daher müssen wir unsere Geschichte von Stunde zu Stunde neu einrichten. Unser Leben selbst ist vom Anfang bis zum Ende ein Versuch (Essai).

Wolfgang Schlüter, Walter Benjamin: Der Sammler & das geschlossene Kästchen (1993).

Aus der mittlerweile unüberschaubaren Fülle der Sekundärliteratur zu Walter Benjamin hat mich ein Band immer wieder fasziniert: Wolfgang Schlüters knappe wie kundige Führung zu den Quellen von Persönlichkeit und Werk des bedeutenden Gelehrten der Weimarer Republik. Es ist die Leidenschaft des Sammlers von Büchern, Beobachtungen und Erinnerungen, vom einzelnen Wort bis zur komplexen, großen Form, dem Denken in Passagen. Schlüter schreibt: »Das Passagenwerk hinwiederum ist, wie fragwürdig es auch sei, das Fragmentarische affirmativ als Utopie zu glauben, Sammlung in höchstem Maßstabe: die Welt als Dar- und Ausstellung, als enzyklopädisch-barocke Ausbreitung von Zitaten und Exzerpten; Zetteltraum & Totenbeschwörung, wie unter Glas: von noch nicht absehbarem Einfluss auf die literarische Moderne, auf Museumskonzeption und Anthropologie.« Auch für mich bleibt Benjamins Passagen-Werk immer ein Vorbild im produktiven Verirren, im Träumen und Abschweifen, im Sammeln von Nutzlosem und Nebensächlichem, kurz: ein Meisterwerk des notwendigen Scheiterns.

Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser (1957).

»Ein regentrüber Morgen, der sich gegen Mittag mehr der Nacht als dem Tag zuneigt.« So beginnen die Aufzeichnungen Carl Seeligs zur letzten Wanderung mit Robert Walser und er fährt fort: »Auf dem Weg nach St. Gallen lassen wir uns in ein minutiöses Gespräch über Kleist ein.«  Den Inhalt wüsste ich gern, leider brechen hier die Notizen Seeligs ab. Die Lektüre des Buches ist für mich immer wieder ein großes Glück, nicht nur, weil es mir den Weg zur Prosa Robert Walsers erschlossen hat, sondern auch, weil es das Wandern als Denkbewegung beschreibt. Die 1916 in Biel entstandene Erzählung Der Spaziergang ist einer der bedeutendsten Texte der Literatur des 20. Jahrhunderts. Zwanzig Jahre, vom Juli 1936 bis Weihnachten 1955 unternehmen die beiden ungleichen Freunde Seelig und Walser in der Nähe der Heil- und Pflegeanstalt Herisau umfangreiche Tageswanderungen zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Die von Seelig unmittelbar nach jedem Gang aufgezeichneten Bemerkungen des »gemütskranken« Anstalts-Patienten Robert Walser über Politik, Literatur, Gesellschaft sind eine wunderbare Lektüre voll ungewöhnlicher Anregungen und tiefer Einsichten: »Robert: Ja, die Dichter haben oft unheimlich lange Rüssel, mit denen sie die Zukunft vorausfühlen. Sie riechen die kommenden Ereignisse wie Schweine die Champignons.«

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften (1933).

»Wie soll sich ein geistiger Mensch zur Realität verhalten?« Das ist die Kernfrage des Mann ohne Eigenschaften. Wenn ich auf meine vergangenen Lektüren seit der Gymnasialzeit zurückblicke, dann kommt es mir vor wie ein in der Wiederholung immer tieferes Hineintauchen in kühlere und dunklere Wasserschichten eines Sees. Zunächst an der Oberfläche die welthistorischen Begebenheiten: das in Krieg und Untergang hineintaumelnde »Kakanien« (= Altösterreich), die kuriose kulturpolitische »Parallelaktion«, dann die fluide Sexualität der Romanfiguren, schließlich die mystisch-extatische Utopie des Verschmelzens mit dem geliebten Menschen und die Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Moralvorstellung als Versuch, mit Hilfe der Literatur ins Leben zu wirken. Das tiefste Verständnis für diesen essayistischen Großversuch (Roman wäre zu wenig) Musils hat in mir der viel zu früh verstorbene Dresdner Autor Bertram Kronenberger geweckt, dessen kleiner Aufsatz zum Mann ohne Eigenschaften 1994 an verschwiegener Stelle (in der YESS- Reihe im Dresdner Hellerau-Verlag) erschienen ist (Die Abwesenheit der Entsprechungen, herausgegeben von Norbert Weiß und Volker Sielaff).

Wulf Kirsten: die erde bei Meißen. Gedichte. Auswahl und Nachwort von Eberhard Haufe (1986).

Das kleine Heftchen begleitet mich nun auch schon viele Jahre bei meinen Streifzügen durch die Dresdner Umgebung. In den Landschaften um die Landeshauptstadt mit ihren Kirschalleen, windigen Hochflächen und tief eingeschnittenen Tälern, in den »Querner-landschaft(en)« hat sich bis heute im Kern nicht viel verändert. Deren poetischer Gehalt ist den Titeln der Gedichte Kirstens eingeschrieben: besichtigung einer bergstadt, herbstmorgen in der Lausitz, selbdritt durch die Lößnitz. Dabei ist Kirsten beileibe kein harmloser Verseschmied, der das Glück im stillen Winkel besingt. Ihn interessieren vielmehr die Schrecken und Verheerungen durch die Weltläufte, die der Landschaft eingeschrieben sind, vom siebenjährigen Krieg bis zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft: »nach der Schlacht bei Kesselsdorf galt: alles fleisch wird gras.«  In der Auseinandersetzung mit dem Schönen und zugleich mit dem Schrecken kann Landschaft erst zum Anlass für gute Lyrik werden. Eberhard Haufe hat das in seiner Auswahl und seinem Nachwort präzise und kenntnisreich herausgearbeitet.

Gottfried Benn, Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956 (2016).

Das Vergnügen am Lesen von Briefwechseln habe ich erst spät entdeckt. Es hängt mit meiner Freude am Briefeschreiben zusammen. Im Gegensatz zu den neuen digitalen Mitteilungstechniken bietet allein der Brief das Material zum geistigen und zugleich sinnlichen Austausch: Papier, Umschlag, Auswahl des Schreibgeräts, kleine Beigaben, schließlich die persönliche Handschrift bieten Indizien, die es erlauben, parallel zum Text in der Seele des Schreibenden zu lesen. »Das grünliche Papier erweckt unheimliche Vorstellungen, von Erdbeben oder Gaswolken«, schrieb der Bremer Kaufmann Oelze an den zu Schreibverbot verurteilten Benn 1938, vielleicht in Vorahnung des kommenden Weltkriegs. Ohne den Briefwechsel mit seinem Verehrer und kongenialen Briefpartner Oelze, ohne die andauernden Ermutigungen und vor allem ohne dessen Rettung der Gedichtmanuskripte in den letzten Kriegstagen wären die bedeutenden Statischen Gedichte Benns 1948 nicht erschienen. »Schreiben Sie mir bitte wieder, Ihre blauen Briefe wären die einzige Brücke in jene Jahre, und der einzige Silberstreif der Hoffnung für mich. Tausend Grüße in alter Freundschaft.« (Benn an Oelze, 7.11.45).

Letzten Monat lasen Sie Sechs Bücher aus dem Regal von Karin Großmann.

Manuel Frey (* 1964) wurde nach einem Studium der Geschichte und Soziologie 1996 an der Universität Bielefeld promoviert. 1999 nahm er an einem Seminar für Autoren und Übersetzer im Literaturhaus München teil. 2008 habilitierte er sich an der Technischen Universität Dresden mit einer Arbeit über »Sammler, Stifter und Mäzene in der Bürgergesellschaft«. Er ist seit dem Jahr 2002 im Kulturbereich tätig, seit 2005 in der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen als Literatur- und Kunstreferent und seit 2008 als stellvertretender Stiftungsdirektor. 2019 wurde er zum Direktor der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ernannt.