Seit vielen Jahren gehört die Reihe »Sprachen machen Leute« zum Kern des Erich Kästner Hauses für Literatur. Dabei nehmen Autor*innen, deren Schreib-, nicht aber Muttersprache das Deutsche ist, als Co-Leiter*innen an der Schreibwerkstatt von Michael G. Fritz teil und lesen am Folgeabend aus ihren eigenen Texten. Die vielfältigen kulturellen Hintergründe der Eingeladenen ermöglichen neue Perspektiven auf Denkmuster und gesellschaftliche Narrative. Im September ist Verica Tričković zu Gast.
Die studierte Ökonomin wurde 1961 in Nerav, Mazedonien geboren und wanderte nach dem Abitur nach Serbien aus. Während der Luftangriffe der NATO in Serbien emigrierte sie 1999 mit zwei Kindern nach Deutschland – heut lebt sie in Isernhagen bei Hannover.
Sie ist zertifizierte Dolmetscherin für Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Mazedonisch und als Übersetzerin und Herausgeberin tätig. Für ihre Übersetzungen erhielt sie mehrere Stipendien, so 2024 für Elke Erbs Das ist hier der Fall.
2011 erschien der serbisch-deutsche Gedichtband Als rettete mich das Wort, der unmittelbar nach ihrer Flucht entstand. Darin beschreibt sie, wie die Welt sich ihr öffnete und sich gleichzeitig die Sprache verschloss. Die dort versammelten Gedichte betrachtet sie als Ansatz, die Sprache noch einmal zu lernen: »Im Mittelpunkt aber steht der Mensch im steten Versuch seines Glücks«.
Seitdem schreibt sie ausschließlich auf Deutsch, 2022 erschien ihr Gedichtband um | schrift, aus dem sie in Dresden liest. Die Gedichte handeln »von ineinandergreifenden inneren und äußeren Veränderungen, vom Sprach- oder Namenswechsel, vom Verlust, von Herkunft und Dazugehören, von Krieg und Umbruch, von Versöhnung, Abschied und Begreifen« (Gutleut Verlag).
Sowohl die Begrifflichkeit, als auch das Gefühl der Freiheit sind Thema; die sieben sehr unterschiedlichen Kapitel bilden eine Collage von Wandlungen. Bedrohliche Symboliken kehren immer wieder, wie in der Gestalt von Vögeln, die gleichzeitig mit positiven Assoziationen belegt sind: Leichtigkeit und Freiheit. Thematischer Schwerpunkt eines Kapitels ist die vielfach empfundene Verunsicherung und Ohnmacht emigrierter Frauen und deren Lebensrealität – als werfe jemand einen Stein in dich, schreibt sie.
Robert Hodel sagt zu Als rettete mich das Wort, sie dichte »weniger in zwei unterschiedlichen Nationalsprachen […] als vielmehr in einer einheitlichen Dichtersprache, der sie ein deutsches und ein serbisches Gesicht verleiht«.
Olga Martynova erklärt: »Letztendlich geht es bei Verica Tričković durchgehend um das Selbstbegreifen und um das Selbstartikulieren der Welt gegen die Unmöglichkeit des Begreifens und des Sprechens.«
Am 9. September liest Verica Tričković im Erich Kästner Haus für Literatur, moderiert von Michael G. Fritz. Zur Veranstaltung