Die letzten Yetis haben sich in die wilden Regionen Tibets zurückgezogen. Der Zutritt ist nur Dichtern erlaubt. Die Sprache weist ihnen den Weg. Bei Volker Sielaff führt er vom Jodeln zum Yoga zum Yeti. Weiter hinauf zu Gletscher und Gipfelbuch und der Frage: War Goethe schon hier? Warum ist es in deinem Rucksack so hell? Sind deine Hosen getauft?
Der Dresdner Schriftsteller interessiert sich für Fragen mehr als für Antworten. Die absurden sind ihm die liebsten. Absurditäten gibt es mehr als bisher in seinem neuen Gedichtband Fragen an den Yeti, der jetzt im Februar erscheint. Der Einband zeigt eisblaues Langhaarfell. Sielaff gibt den Worten einen Schlafbaum und den Gedanken ein Nest. So erklärt er das, was er tut. Seine Gedichte entstehen aus Klang, Zufall, Übermut, aus purer Lust an der Sprache. Und nein, es ist kein Druckfehler, wenn er sich nach dem Gelb im Portemonnaie erkundigt. Es ist eine hübsche Irritation. Ein Kopfschubser.
Von Tibet spannt sich der geografische Bogen leicht bis zur Lausitz. Volker Sielaff wurde 1966 in Großröhrsdorf geboren. In meist reimlosen Gedichten erinnert er sich an zerbeulte Turnbeutel der Schulzeit, an eine unerreichbare Mitschülerin, an den frühen Tod der Mutter. Vorstellbar wird die gute Stube einer Tante mit zahllosen Nippes, einem Sofa voller Kissen und einem Foto von Otto Mellies an der Wand. Tante Frieda verehrte den DDR-Schauspieler. Sie mochte die Männer der alten Schule, die »Herzensbrecher«. Bevor das Wort ausstirbt, wird es gerettet wie Anrichte oder Plumpsklo. Die Seiten ausgedienter Fahrpläne dienten als Klopapier. Radeberg, Pulsnitz und Ohorn werden poetisch.
Aus dem Alltäglichen holt Volker Sielaff den Stoff zum Schreiben. Seine Erinnerungsbilder sind melancholisch gefärbt. Daneben stehen Beobachtungen von Reisen. Mit einem Stipendium des Deutschen Literaturfonds arbeitete der Autor 2022 in London. »In gläsernen Türmen wird aus Nichts Geld gemacht.« Er betrachtet höfliche Raben, hört den hohlen Klang einer Taucherglocke und hilft einer jungen Frau, die ihm mit dem Rad direkt vor die Füße fällt: »so blödsinnig glücklich sollte jeder einmal im Leben gewesen sein«. Vor allem besucht er die Orte der Lyrikerin Sylvia Plath, die 1963 in London starb. In seinen Gedichten ist sie nicht tot.
Auch andere Schriftsteller porträtiert Sielaff als Liebende und Leidende ihrer Zeit. Dazu zählt die US-Amerikanerin Djuna Barnes, die ihre Karriere als Journalistin begann und in den 1920er-Jahren in Europa arbeitete. Sie verdiente zu wenig und trank zu viel, ließ sich von dem Dramatiker Samuel Beckett finanzieren und von der Sammlerin Peggy Guggenheim. Für die Moderne spielte Djuna Barnes eine große Rolle. Der Titel ihres wichtigsten Romans Nightwood kehrt als »Nachtgewächs« bei Volker Sielaff zurück. Wie schön, dass er an sie erinnert.
Immer sind es die Einzelgänger, die Sonderlinge, die Vergessenen und die Künstler jenseits des Zeitgeistes, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt. Auch für die Reihe Literarische Alphabete im Dresdner Stadtmuseum, die er mit kuratiert, lädt Sielaff meist weniger bekannte Autorinnen und Autoren ein. Er macht Entdeckungen möglich. Für sich entdeckt er den amerikanischen Realisten Andrew Wyeth. Dieser malte jahrelang sein Modell Helga, hielt die Bilder jedoch unter Verschluss und verkaufte sie alle auf einmal. Es ist ein ganzes Leben, das auf wenigen Zeilen erzählt wird. Das gilt auch für einen Text über Emmy, die unterschätzte Ehefrau des Dadaisten Hugo Ball.
Neben solchen »Erzählgedichten« stehen nachdenkliche Verse über Abschied, Tod, Sterben. Sie kippen ins Komische, wenn der Dichter über die Wiedergeburt als Tapir nachdenkt – und wieder mit denselben Irrtümern, Tragödien und kleinen Schändlichkeiten des Menschseins? Spöttisch bedenkt er die Nachrichten, die ihm jemand permanent schickt samt Selfies. Dabei hatte er sich doch nur für dessen Gedichte interessiert. Es ist faszinierend, wie heutige Phänomene aufgegriffen und doch nicht benannt werden. Sielaff kann eine Hymne auf das Buch schreiben, ohne dass das Wort Buch vorkommt.
Die längste Hymne gilt all den Menschen, Dingen, Einfällen und Orten, an denen sich die Liebe entzündet. Schon im Band Barfuß vor Penelope hatte Volker Sielaff in einem rhythmischen Ritt durch die Realität ein literarisches Feuerwerk inszeniert. Die »Mystische Aubergine« wird hier auf fantastische Weise fortgesetzt: kalauernd, rauschhaft, surrealistisch, witzig, albern und intelligent. Sielaff erklärt seine Liebe zu blinden Antiquaren, die immer noch lesen, und zum Grün einer Landschaft in den Vogesen, zur Lackkunst, zur Lachkunst, zu Kap Arkona und der Modeboutique Ilona, er reimt Flachdach auf Bergisch-Gladbach und Cupidos Pfeile im Köcher auf Rosenlöcher … Das geht über sechs Seiten weiter. Manche Assoziationen erklären sich weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick und nur durch den Klang. Wer Arno Schmidts Tagebuch eines Fauns kennt, wird sich über die Nähe zur Fauna nicht wundern.
Volker Sielaff ist in seinem neuen Band so sehtüchtig, farbsüchtig und normflüchtig wie noch nie.
Info: Volker Sielaff: Fragen an den Yeti. Edition Azur im Verlag Voland & Quist, 108 Seiten, 22 Euro
Ein Beitrag für die Sächsische Zeitung am 3.2.2026