Artur Becker (c) Juergen Bauer
Autor Volker Sielaff fragt, Bild: privat
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15.09.2020
Volker Sielaff

DIE FÜNF. Fragen an Artur Becker

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Aristoteles unterschied fünf Sinne des Menschen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn.

Nach taoistischer Tradition gibt es fünf Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall.

Die Fünf ist auch die Zahl der Liebe.

Der Autor Volker Sielaff findet: Grund genug, Schriftstellerinnen und Schriftstellern fünf Fragen zu stellen und sie um grundlegende wie sinnlich-sinnige Antworten zu bitten.

Worüber haben Sie zuletzt gestaunt?

Über meine eigene Dummheit: dass ich immer wieder bestimmte Fehler wiederhole, obwohl ich mir oft versprochen habe, diese nicht mehr zu tun. Zum Beispiel lasse ich mich viel zu oft auf ermüdende Diskussionen mit solchen Menschen, insbesondere Künstlern und Autoren, ein, die in ihrem übertriebenen Drang nach Gerechtigkeit und moralischer Erhebung Dinge und Verhaltensweisen vereinfachen – und auch die Menschen, die sie angeblich zu verteidigen glauben, in eine Schublade stecken.

Es ist ein bekanntes Phänomen: jemand glaubt, nur weil er verspüre, dass jemandem Unrecht geschehe, eine reine Weste zu haben und besonders empfindlich sein zu dürfen, was die Ungerechtigkeiten dieser Welt angeht. Er könne also scharf urteilen und vermeintliche Schuldige – in seinen Augen: zurecht – verurteilen …  Bullshit!

Worüber waren Sie zuletzt zornig?

Über die sinnlose Gewalt und Massenaggressivität auf den Straßen weltweit – egal, von wem.

Welcher Ort inspiriert Sie?

Die Masuren und im Westen Venedig und Frankfurt am Main – mein Frankfurter Hotel Lindley, in dem ich lebe. Und immer wieder die Masuren und Venedig. Das sind meine Orte.

In welche Zeit würden Sie sich mit einer Zeitmaschine befördern lassen?

1967-1968 Frankfurt am Main, Frankfurter Schule, Studentenbewegung, Dutschke, Salvatore usw. Ich hätte gern diese Revolte miterlebt.

Welche historische Person würden Sie gern für eine ausgedehnte Berg- bzw. Strandwanderung treffen?

Czesław Miłosz, den polnischen Dichter, der 1911 im heutigen Litauen geboren wurde und von 1951 bis 1993 als Emigrant in Paris und dann in San Francisco gelebt hatte – er starb 2004 in Krakau. Mit ihm würde ich gerne eine Bergwanderung machen – in den voralpinen Bergen von Grenoble, wo Miłosz in den Fünfzigern nach Inspiration und Heilung gesucht hat, war er doch von 1945 bis 1950 im diplomatischen Dienst der Kommunisten tätig. Er bekam in Frankreich Asyl, seine psychische Verfassung war aber katastrophal, Gedichte schreiben konnte er nicht mehr. Bei Grenoble besuchte er deshalb Stanisław Vincenz, den polnischen Huzulen- und Griechenkenner, Übersetzer von Homer und großen Essayisten und Erzähler sowie Dostojewski-Kenner. Vincenz half Miłosz, der in Angst vor den Konsequenzen seines Verrats an der Volksrepublik Polen gelebt hatte (aber auch in Angst vor der Zukunft als Dichter), den Weg zur Poesie und Schönheit der Welt wiederzufinden. Großartige Arbeit! Freundschaft!

In Folge 3 lasen Sie: Joachim Sartorius

Am 01.10.20 spricht Artur Becker im Rahmen seiner Poetik-Dozentur über »Entwurzelung und Freiheit« – zur Veranstaltung 

Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte und Aufsätze, auch als Übersetzer tätig. Artur Becker ist Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland und im Exil-P.E.N.-Club. Zuletzt erschienen von ihm die Romane »Der unsterbliche Mr. Lindley« (2018) und »Drang nach Osten«. Im September und Oktober 2020 setzt er in Dresden die Chamisso-Poetikdozentur mit drei Vorlesungen in der Sächsischen Akademie der Künste fort.   

Volker Sielaff lebt als Autor und Publizist in Dresden und ist Mitorganisator des Festivals für Zeitgenössische Literatur »Literatur Jetzt!«. Mehrere Gedichtbände und ein Journal. Soeben erschien im Verlag Voland & Quist / Edition Azur sein neues Buch »Barfuß vor Penelope«.