Autorenfoto Ralf Günther, Bild von Thomas Türpe
Autor Volker Sielaff fragt, Bild: privat
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18.11.2021
Volker Sielaff

DIE FÜNF. Fragen an Ralf Günther

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Aristoteles unterschied fünf Sinne des Menschen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn.

Nach taoistischer Tradition gibt es fünf Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall.

Die Fünf ist auch die Zahl der Liebe.

Der Autor Volker Sielaff findet: Grund genug, Schriftstellerinnen und Schriftstellern fünf Fragen zu stellen und sie um grundlegende wie sinnlich-sinnige Antworten zu bitten.

Worüber haben Sie zuletzt gestaunt?

Wie präsent ein Baby schon im Leib der Mutter sein kann. Wie sich die Bauchdecke beult und wölbt und das Menschlein zeigt: Hier bin ich!

Worüber waren Sie zuletzt zornig?

Immer wieder über Engstirnigkeit. Über die Schubladen, die wir benötigen, um schnell ablegen zu können: Klappe auf, Mensch rein, Klappe zu. Der Trend unserer Zeit: Schnell bewerten, unabhängig davon, ob wir genügend Informationen für ein Bewertung haben. Hauptsache, das Urteil ist rasch gefällt.

Welcher Ort inspiriert Sie?

Ich reise gern und habe schon etliche berückende Orte kennengelernt: Damaskus, wo man den Korb bewundern kann, in dem der Apostel Paulus aus der Stadt floh. Riga, wo der größte Markt der Stadt in einer alten Zeppelinhalle Platz findet. Hamburg, wo die eigentliche Stadt auf dem Wasser zu finden ist. Und nicht zuletzt Jerusalem, wo das Verrückte das Normale ist. Jeder Ort kann inspirieren, denn die Fantasie ist die Zutat des Betrachters, nicht des Ortes.

In welche Zeit würden Sie sich mit einer Zeitmaschine befördern lassen?

Die Leser*innen von Science-Fiction-Romanen wissen, wie gefährlich Zeitreisen sind: Man stört das Raum-Zeit-Kontinuum, die Welt gerät mehr aus den Fugen als, sagen wir, durch den Klimawandel. Daher schreib ich Romane, die in vergangenen Epochen spielen. Das sind die bekömmlicheren Zeitmaschinen – und klimaneutral.

Welche historische Person würden Sie gern für eine ausgedehnte Berg- bzw. Strandwanderung treffen?

Janusz Korczak, den polnischen Kinderarzt und Pädagogen, gern am Ostseestrand. Korczak forderte und entwickelte als einer der Ersten internationale Kinderrechte. Darunter etwas Unerhörtes: Dass jedes Kind das Recht auf seinen eigenen Tod hat. Das klingt brutal, enthält
aber eine wichtige Botschaft an unsere Zeit: Kinder werden heute oft in das Gefängnis unserer Ängste gesperrt. Weil wir Verletzung oder Verlust fürchten, dürfen unsere Liebsten nur unter Aufsicht spielen. Dürfen gesicherte Räume nicht verlassen, tollen und toben immer nur in
kontrollierten, gesäuberten, virtuellen Umgebungen. Kinder müssen sich ausprobieren, sich selbst und ihren Körper erfahren dürfen. Das gelingt nur, wenn wir die Schlagbäume unserer Ängste öffnen. Sonst überleben die Kinder ihre Kindheit, ohne gelebt zu haben.

Veranstaltungshinweis: Ralf Günther liest am 1. Dezember aus »Eine Kiste voller Weihnachten« und am 16. Dezember im Erich Kästner Haus für Literatur aus »Arzt der Hoffnung«.

Letzten Monat lasen Sie Fünf Fragen an Lutz Rathenow

Ralf Günther wurde 1967 in Köln geboren. Er studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und spezialisierte sich auf Medienpädagogik. Als Buch- und Drehbuchautor entwickelte er Kinderserien fürs Fernsehen und schrieb historische Romane. Der Leibarzt, sein Debüt in diesem Genre, wurde ein Bestseller. Es folgten unter anderem die Weihnachtsgeschichten »Das Weihnachtsmarktwunder« und »Eine Kiste voller Weihnachten«, sowie die Künstlererzählungen »Die Badende von Moritzburg« und »Als Bach nach Dresden kam«. Seine aktuelle Veröffentlichung ist der Roman »Arzt der Hoffnung«. Nach einer Zwischenstation in Hamburg lebt Ralf Günther heute mit seiner Familie in der Nähe seiner Wahlheimat Dresden.

Volker Sielaff lebt als Autor und Publizist in Dresden und ist Mitorganisator des Festivals für Zeitgenössische Literatur »Literatur Jetzt!«. Mehrere Gedichtbände und ein Journal liegen vor, unter anderem »Glossar des Prinzen« und »Überall Welt«. Soeben erschien ist im Verlag Voland & Quist / Edition Azur sein neues Buch »Barfuß vor Penelope«. Michael Braun sagte dazu im Deutschlandfunk: »In seinem neuen Gedichtband »Barfuß vor Penelope« treibt Sielaff seine Sprachkunst auf die Spitze und durchläuft hierbei von Kapitel zu Kapitel immer neue Selbstverwandlungen.«