Nicole Czerwinka mit ihrem ersten Roman (Foto: privat)
14.03.2026
Literaturnetz Dresden

Menschen hinterm Buch: Die Selfpublisherin

Nicole Czerwinka nimmt ihre Veröffentlichung in die eigene Hand

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Vollzeitjob oder Ehrenamt – Literatur ist Berufung! Buchbotschafter*innen setzen sich für das gedruckte Wort ein und verbinden Menschen mit Literatur, auf originellen Wegen … Wir sprechen mit leidenschaftlichen Leser*innen über Idealismus, Herausforderungen und Kraftquellen.

Nicole Czerwinka ist freie Journalistin und hat viele Jahre in verschiedenen Kulturredaktionen gearbeitet. Aktuell koordiniert sie unter anderem die Pressearbeit für die Dresdner Musikfestspiele – daneben schreibt sie Bücher. Nach einer Kinderbuchreihe und einem Stadtführer (MARCO POLO) erscheint jetzt ihr erster Roman. In das Projekt floss nicht nur eine Lebensphase in Norwegen, sondern auch jahrelange Erfahrung in der Medienbranche …

Wie bewusst hast du dich für »Das Geheimnis am Fjord« gegen die Arbeit mit Verlag entschieden?

Die Entscheidung ist sehr bewusst gefallen, als ich das Exposé noch einmal überarbeitet habe. Ich hatte es von meiner Lektorin gegenlesen und mir Tipps geben lassen, wie ich es am besten an Agenturen vermarktet bekomme. Bei den Korrekturen fiel mir auf, dass ich meine Geschichte nach der jahrelangen Arbeit eigentlich nicht mehr auf ein Verlagsprogramm oder vermeintliche Marketing-Hypes hin anpassen möchte. Ich wollte endlich veröffentlichen, um neue Romanideen ausprobieren zu können.

Insofern war es vor allem der Zeitfaktor, der mich gestört hat. Man schickt ein Manuskript an eine Handvoll Agenturen, und dann hört man oft nie wieder etwas. Selbst wenn eine interessiert ist, kann es noch Jahre dauern, bis der Titel seinen Platz in einem Verlagsprogramm findet. Das war mir einfach zu lang.

Was lernt man über den Buchmarkt dabei?

Die Erfahrungen, die ich dadurch sammle, dass ich diesen Weg auf eigene Faust beschreite, machen mich definitiv selbstbewusster. Wenn ich bei meinem nächsten Buch mit einem Verlag verhandeln würde, hätte ich schon ein ganz anderes Standing: Ich bin durch den Lektoratsprozess gegangen, habe es auf den Buchmarkt geschafft und Leserfeedbacks bekommen.

Viele Selfpublisher*innen arbeiten statt mit Verlagen mit so genannten Distributoren – kannst du den Unterschied erklären?

Ich habe einen Reiseführer für Dresden geschrieben, der in einem großen Verlag erschien. Da hatte ich den direkten Vergleich. Ausgehend von dieser Erfahrung ist es mit Verlag natürlich bequemer, man bekommt zum Beispiel das Lektorat einfach geliefert. Der Verlag hat aber auch ganz klar das Konzept vorgegeben, bis hin zu stilistischen Vorgaben.

Ein Distributor, wie BoD oder Amazon, redet in die Inhalte gar nicht rein. Er übernimmt keine Verantwortung, sondern ermöglicht nur den Vertrieb. Mein Buch wird dabei on Demand gedruckt – also stückweise einzeln bei Bestellung. Gegebenenfalls geht das mit längeren Lieferzeiten einher. Das ist der Nachteil, den mir Käufer und Leserinnen spiegeln.

Du lässt dein Buch über Books on Demand in Norderstedt drucken …

Genau. Dort wird es automatisch in allen Shops gelistet und ist mit ISBN für den Buchhandel bestellbar. Für Amazon gibt es eine separate Ausgabe, weil dort die Sichtbarkeit für Selfpublisher nochmal eine ganz andere ist. BoD hat mich auch deswegen überzeugt, weil die Qualität des Drucks wirklich gut ist.

Wie viel technisches Wissen braucht man, um das alles selbst zu regeln?

Schon einiges, man darf das nicht unterschätzen. Ich habe mal vier Jahre im Korrektorat gearbeitet und war daher mit Word-Vorlagen und Formatierungen vertraut, das ist auf jeden Fall wichtig. Die Ebook-Datei für Kindle konnte ich als PDF hochladen – hier braucht es inzwischen keine eigene Konvertierung mehr, das macht die Technik von Amazon. Beim Cover musste meine Agentur schon Geduld mit mir aufbringen, weil man beispielsweise die genaue Seitenzahl für den Buchrücken kalkulieren muss. Sie brauchten auch exakte Beschnitte von mir, die BoD aber bereitstellt.

Wie lief die Gestaltung ab?

Ich habe selbst keine grafischen Talente. Mein Cover sollte unbedingt marktfähig sein; ich denke, hier darf man nicht sparen. Den Buchsatz habe ich mit einer Vorlage von Books on Demand erstellt, wo ich am Ende die Datei hochgeladen habe. Neben dem ausführlichen Lektorat gab es ein Korrektorat, und die Korrektorin hat den Satz dann noch einmal kontrolliert.

Wie hast du deine Partner für das Cover gefunden?

Ich habe in einer Buchhandlung Titel gesucht, die für eine ähnliche Zielgruppe gestaltet waren. Zwölf Cover habe ich mir dann mit Impressum abfotografiert. Ich stellte fest, dass die Gestaltungen von insgesamt vier Agenturen stammten, und alle saßen in München. Ich nahm Kontakt auf und hörte, dass einige nicht mit Selfpublishern arbeiteten. Vier oder fünf der Cover stammten von Büro Süd, die von Anfang an mein Favorit war. Und dort hat es dann auch geklappt.

Auch beim Lektorat hast du dir Unterstützung gesucht.

Meine Lektorin war die leipziger Autorin Kathleen Weise. Die Arbeit mit ihr hat mich unglaublich weitergebracht – eigentlich hätte ich das Lektorat schon ein Jahr eher gebraucht! Zusätzlich gab es ein Korrektorat, und in einer frühen Phase der Stoffentwicklung habe ich auch mit einem Autorenmentoring gearbeitet, das hat mir sehr geholfen.

Was waren die größten Hürden?

Die Gleichzeitigkeit der Prozesse ist eine Herausforderung gewesen. Die Releaseparty habe ich erst drei Wochen nach dem Erscheinungstermin geschafft …

Beim Schreiben hat mir die Deadline gefehlt. Mit einem Verlagsvertrag zu arbeiten oder einer Agentur, die darauf wartet, ist da schon etwas anders. Aber ab dem Moment, als ein Team involviert war, entwickelte das Projekt einen Sog: Plötzlich bedingte sich alles gegenseitig.

Was hast du im Prozess gelernt?

Ein wichtiges Learning war es, eine Schreibroutine zu finden. Ich hatte Phasen, wo ich tagelang in der Unibibliothek (SLUB) arbeitete, völlig im Text versunken. Dabei entstanden die schönsten Stellen im Buch. Zusätzlich schrieb ich früh vor meiner eigentlichen Arbeitszeit ein bis zwei Stunden – es braucht einfach eine gute Regelmäßigkeit, um am Thema zu bleiben.

Wenn man selbst der Verlag ist, braucht es für alles auch eigene Mittel …

Richtig! Ich sehe das Projekt als Investition. Ich bin seit 15 Jahren freiberuflich und habe bislang immer nur in Weiterbildungen investiert. Das Buch ist nun mein erstes eigenes Projekt. Natürlich könnte man jede Leistung auch quasi Low Budget bekommen – man kennt zum Beispiel jemanden, der gut lektoriert oder hat selbst die Fähigkeit, ein Cover zu designen. Diese Aufgaben wollte ich aber auf jeden Fall aus der Hand geben.

Am Ende habe ich mich gefreut, dass ich die Kreativbranche mit meinem Buch auch selbst unterstützen konnte! Bislang war ich immer nur Auftragnehmer, jetzt konnte ich etwas zurückgeben. Die Rechnungen für die Lektoren in Leipzig und die Coveragentur in München habe ich jedenfalls mit einem guten Gefühl überwiesen.

Wie stehst du zum Marketing?

Der Marketing-Aspekt hat mich von allen am wenigsten geschreckt. Der Knackpunkt war eher das Cover, weil ich grafisch noch nie sehr begabt war.  Marketing mache ich beruflich jeden Tag, das fällt mir leicht.

Wie nervig ist der Social Media Aspekt dabei?

Im Social Web für das Buch zu werben, macht mir Spaß – man muss da auch mit Freude rangehen, anders funktioniert es nicht. Ich habe hier viel von der New Adult Blase bei TikTok gelernt, die mich sehr fasziniert, weil sie die klassische Presse mit ihrer großen Reichweite richtiggehend aushebelt und auch eingefahrene Konzepte des Buchmarkts quasi auf den Kopf stellt. Vergleichen mit der klassischen Musik hat die Literatur in Social Media zudem eine wirklich starke Community. Ich fände es gar nicht schlecht, wenn das den gesamten Markt langfristig ein bisschen aufrüttelt.

Würdest du sagen, man kann in diese Aktivitäten reinwachsen?

Man lernt nur durch Erfahrungen. Als ich mich mit dem Cover beschäftigen musste, machte ich mir in dem Bereich viele Gesetzmäßigkeiten bewusst und stärkte mein Netzwerk, jetzt baue ich mir Wissen und Kontakte für Lesungen auf. Das ist eine stetige Arbeit, die Geduld braucht. Für meine anderen Projekte gehe ich aber ganz genauso heran.

Das klingt alles zeitintensiv. Können diese Aktivitäten vom Schreiben abhalten?

Für mich gehört das zum Prozess. Wenn die Geschichte geschrieben ist, muss sie ihre Leser finden – und das passiert nun mal nicht von allein. Ich habe eigentlich bislang jeden Schritt in der Veröffentlichung mit viel Herzblut begleitet, was sicher auch daran liegt, dass ich nicht gern den ganzen Tag allein in meinem Kämmerlein sitze und tippe. Ich brauche genauso sehr die Kommunikation mit anderen.

Siehst du deinen Hintergrund im professionellen Schreiben als wichtigen Vorteil? Wie gut funktioniert deine Kreativität »auf Knopfdruck«?

Ich starre auch schonmal eine halbe Stunde aufs Blatt und grübele vor mich hin. Allerdings kämpfe ich nicht mit Wochen andauernden Schreibblockaden. Ich war lange in der Tagespresse, wo alles am Abend in den Druck sollte. Da muss einfach irgendwann etwas aufs Papier, feilen kann man später immer noch!

Wie wichtig ist das Netzwerk?

Das Netzwerken passiert automatisch, wenn man mit Buchmenschen ins Gespräch kommt. Ob Kollegen oder Freunde – viele, denen ich von dem Buch erzählt habe, haben mir teils ungefragt sofort Kontakte vermittelt, sei es zu Lektoren, Locations für Lesungen oder einem Verlag. Viel wichtiger als sich in der eigenen Branche zu vernetzen, finde ich aber den Effekt, dass die verschiedenen Projekte meiner Freiberuflichkeit inzwischen voneinander profitieren: Ich habe zum Beispiel von der Promotion für CDs auch vieles gelernt, was ich jetzt für die Promotion von Büchern nutzen kann.

Manche Selbfpublisher*innen passen auch in keine Schublade … Würdest du sagen, dein Roman ist Cross Genre geschrieben?

Am Anfang war mir die Lovestory das wichtigste Element, sozusagen der Grundgedanke. Dazu kam meine Bibliophilie – die Protagonistin ist Buchhändlerin – und natürlich der Norden! Ich lebte selbst längere Zeit in Norwegen und kenne das Land gut. Das zeitgeschichtliche Element war eine Möglichkeit, der Geschichte Tiefe zu verleihen. In Norwegen war dieses düstere Kriegskapitel der deutschen Besatzung und der Beziehungen von Frauen mit Wehrmachtsoldaten lange Zeit eine Art nationales Trauma. Bei den Gesprächen mit Lesenden merke ich jetzt, wie wenig man in Deutschland darüber weiß. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich diesen Teil weiter ausgebaut habe.

So kann das Buch auch für Diskurs sorgen …

Ich wollte kein politisches Buch schreiben, denke aber, dass die von mir beschriebene Familiengeschichte sicher zum Nachdenken anregt. Die Biografien der Deutschenmädchen in Norwegen haben mich persönlich immer sehr berührt, ich habe dazu auch viele Dokumentationen gelesen. In meinem Buch spiegelt die Entwicklung der Liebesgeschichte letztlich Maries inneren Weg, den sie geht, als sie sich mit ihren Familienhintergründen auseinandersetzt.

Die männliche Hauptfigur Nils bezieht sich auf deutsche Touristen, die einzig zum Angeln nach Norwegen kommen … Beschäftigen sich auch die Fans des Nordens noch zu wenig mit den Hintergründen des Landes?

Das würde ich so nicht sagen, aber es ist sicher vor allem ein romantisches Bild vom Norden, das in unseren Köpfen hier existiert. Viele Touristen kennen das Land zum Beispiel nicht in den tristen Herbst- und Wintermonaten, wenn es auf den Straßen ruhig ist und das Wetter über Wochen unwirtlich. Nils macht es stolz, dass Marie wirklich etwas ergründen, die Mentalität und das Leben der Norweger kennenlernen will – und ihre Geschichte. Sie hat eben eine ganz andere Perspektive als der Durchschnittstourist, der nach ein paar Angelausflügen im Fjord wieder abreist.

Und wird es einen zweiten Roman geben?

Ja, vielleicht sogar schon bald! Insgesamt habe ich etwa fünf Jahre an Das Geheimnis am Fjord gearbeitet. Zwischenzeitlich gab es große Pausen, weil sich zum Beispiel im Lockdown meine Haupttätigkeit stark gewandelt hat. Die Pandemie hat mich auch mental beschäftigt, ein Jahr lang war ich ziemlich unkreativ.

Ich will noch eine Geschichte über Nordnorwegen schreiben, aber zunächst wende ich den Blick jetzt in den Süden. Der zweite Roman soll in Italien spielen, und auch die Musik wird dabei eine wichtige Rolle einnehmen …

Hast du noch einen Lesetipp, der dir am Herzen liegt?

Ich lese immer wieder gern Erich Kästner. Ich bin im Herzen Dresdnerin und fühle mich dem kleinen Jungen verbunden. Kästner kriegt mich einfach immer, mit all seinen Büchern; er konnte die Schwere seiner Zeit in leichten Worten formulieren. Vieles, was er schreibt, erscheint im ersten Moment witzig, ist aber im Grunde tief melancholisch.

 

Das Gespräch führte Josefine Gottwald

Am 27. März liest Nicole Czerwinka in der Buchhandlung LeseLust 

 

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